Liebeslied für Chaika 1

Im Juli vor siebzig Jahren zogen sowjetische Partisanen und eine kleine jüdische Partisanengruppe in das gerade befreite ostpolnische Białystok ein. Vorneweg: Chaika Grossman. Białystok war ihre Heimatstadt. 120.000 Menschen hatten hier vor dem Einmarsch der Deutschen gelebt, die Hälfte von ihnen Juden.

Ende der Achtzigerjahre übersetzte ich Chaika Grossmans Erinnerungen an den Widerstand (Die Untergrundarmee, Fischer TB) aus der amerikanischen Übersetzung ins Deutsche. Chaika lud mich ein, sie zu besuchen. Wohnen könnte ich bei ihr, im Kibbuz. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…

1992 drehte ich „Mir zeynen do“, einen Dokumentarfilm über den Ghettoaufstand und den jüdischen Widerstand in Białystok. Chaika war bereit, für die Aufnahmen in Białystok in ihre ehemalige Heimatstadt zu kommen. Meir, ihr Mann, der gleichfalls aus Białystok stammte und, wie Chaika, fast seine gesamte Familie verloren hatte, begleitete sie. Am ersten Abend sagte Meir im Hotel heimlich zu mir: „Für Chaika ist das hier sehr schwer. Wir müssen gut auf sie achtgeben.“ Am nächsten Morgen nahm mich Chaika zur Seite und sagte: Für Meir ist das hier sehr schwer. Wir müssen gut auf ihn achtgeben.“

Während der Dreharbeiten blieb Chaika plötzlich stehen und deutete auf eine Straßenkreuzung: „Hier war der Transport. Hier habe ich meine Mutter zum letzten Mal gesehen.“ Ihre Mutter war auf dem Weg nach Treblinka. In die Gaskammer. Chaika war auf dem Weg zu ihrer Kampfposition. Denn an diesem Tag, an dem das Ghetto liquidiert werden sollte, wollten sie und ihre Kameradinnen und Kameraden sich erheben: Eine paar Dutzend junge Frauen und Männer gegen 3.000 schwerbewaffnete SS-Leute und Wehrmachtsoldaten. „Chaikele, wu gejst du?“, hatte die Mutter sie gefragt. Wo gehst du hin? Und Chaika hatte nicht gewusst, was sie ihr antworten sollte. Helfen konnte sie ihr nicht. Und ein paar Straßen weiter warteten ihre Kampfgefährten.

Später, nach einem langen intensiven Drehtag, sah mich Chaika erschöpft an und sagte leise: „Vielleicht hätte ich mit ihr gehen müssen? Kann man die Mutter, die man liebt, alleine ins Gas gehen lassen?“

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