Liebeslied für Chaika 2

Chaika Grossman war schon als Mädchen in Białystok Mitglied des Hashomer Hatzair gewesen, der linkszionistischen Jugendbewegung. Sie hatte sich darauf vorbereitet, nach Palästina zu gehen, dort einen Kibbuz aufzubauen, und schließlich einen Staat, in dem Juden frei und selbstbestimmt leben könnten. Doch dann waren die Deutschen einmarschiert. Und Chaika baute die Untergrundbewegung im Ghetto mit auf. Reiste als Kurierin des jüdischen Widerstands unter ständiger Lebensgefahr von Stadt zu Stadt. Gab Informationen weiter und beschaffte Waffen. Kämpfte schließlich im Ghettoaufstand und danach bei den Partisanen.

Nach der Befreiung suchte Chaika die Stadt nach überlebenden Juden ab. Fand eine verstörte Frau, die aus einem Versteck gekrochen kam. Von den 60.000 Białystoker Juden haben nur ein paar hundert überlebt. „Die Stadt war tot“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. „Wir waren traurige Sieger.“

Sie kümmerte sich erst noch um jüdische Waisenkinder, die im Umland in den Wäldern und in Verstecken überlebt hatten. Dann ging sie nach Israel. In den Kibbuz, in dem Meir Orkin, ihr Verlobter, bereits lebte. Bekam zwei Kinder. Wurde für die linkszionistische Mapam Abgeordnete der Knesset, des israelischen Parlaments. Und war zuletzt Alterspräsidentin der Knesset.

Chaika und Meir waren mit palästinensischen Nachbarn, Künstlern und Politikern befreundet, Meir schrieb die erste (und meines Wissens einzige) Geschichte der Shoa (des Holocaust) auf Arabisch. Chaika bemühte sich bis zu ihrem Tod um ein respektvolles und friedliches Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern. „Es ist schwierig“, sagte sie mir. „Es gibt viele Fanatiker. Viel Menschenverachtung. Auf beiden Seiten. Aber wir müssen eine Lösung finden. Eine, mit der beide Seiten leben können.“

Chaika Grossman starb1996, 77 Jahre alt. Auf ihrem Begräbnis saß der Bürgermeister des palästinensischen Nachbardorfes neben Itzhak Shamir, Chaikas langjährigem politischen Gegner. „So etwas“, meinte „Meir, „schafft nur Chaika!“

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