Liebeslied für Chaika 3

Am 31. Dezember 1941 verfassten in Wilna Mitglieder des Haschomer Hatzair (linkszionistische Jugendbewegung) und der Kommunisten einen Aufruf zum jüdischen Widerstand – den ersten im deutsch-besetzten Europa. Die jüdische Bevölkerung wird darin beschworen: „Lasst uns nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen!“ So, sagte mir Chaika Grossman, hatten sie damals empfunden. Und nicht verstanden, warum „die Juden“ sich nicht erhoben.

Im Januar 1943 erfuhr der Ghettountergrund in Bialystok, was in Treblinka geschah, dem Lager, in das die Deutschen immer wieder Juden aus dem Ghetto transportierten: In 13 Gaskammern wurden hier bis zu 2.000 Menschen auf einmal vernichtet. Chaika und ihre Kameradinnen und Kameraden erstellten einen Bericht darüber, den sie unter der Hand im Ghetto verteilten. Doch die Menschen wollten es nicht glauben. So etwas wie eine Gaskammer hatte es bis dahin nicht gegeben. Was sollte das sein? Und der logische Verstand sagte ihnen: Solange die Deutschen uns als Arbeitskräfte ausbeuten können, wären sie doch dumm, wenn sie uns ermorden würden!

Inzwischen, erklärte mir Chaika, könne sie diese Einstellung nachvollziehen. Sie erscheint so unendlich vernünftiger als der Aufruhr, den sie, die Aktivisten der Jugendbewegungen, anzetteln wollten. Sie, hatten die Älteren ihnen vorgeworfen, würden den Tod der Juden provozieren – als Strafaktion der Deutschen!

„Wenn dich heute jemand fragt, ´warum haben die Juden sich nicht gewehrt? Warum haben nur so wenige gekämpft?` Was würdest du dann antworten?“, fragte ich Chaika.

„Ich würde folgendes sagen“, erwiderte sie: ´Erstens stimmt das so nicht. Zweitens: Über was für eine Bevölkerung reden wir? Über Zivilbevölkerung! Wie hätten die Menschen sich wehren sollen? Alleingelassen, eingesperrt in das Ghetto, ohne Waffen, ohne Verbündete draußen? Wir haben zu ihnen gesagt: ´Wir werden kämpfen, wir lenken die Deutschen ab, und ihr lauft weg!` Aber selbst wenn es ihnen gelungen wäre, wegzulaufen: Wohin hätten sie gehen sollen? Wohin?“

Ein Liebeslied wurde das hier nicht. Nur eine kleine Hommage in Prosa. Was Chaika ohnehin lieber wäre.

Chaika Grossman: Die Untergrundarmee, Fischer Taschenbuch

Ingrid Strobl: „Die Angst kam erst danach.“ Jüdische Frauen im Widerstand in Europa 1939 – 1945, Fischer Taschenbuch

Ingrid Strobl: Mir zeynen do! Der Ghettoaufstand und die Partisaninnen von Białystok, 90 min, WDR und Kaos Film

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