Wahr oder Fake?

„Is(is) ordnet die Genitalverstümmelung von Millionen Mädchen und Frauen an!“ Das ist nur das gerade aktuellste Beispiel für eine Nachricht, die sich binnen Sekunden im Internet verbreitete, kommentiert, geteilt, von den Medien aufgenommen wurde. Und sich schließlich als nicht belegt herausstellte (wenn dem so ist).

Als ich diese Meldung auf Facebook las, war ich verunsichert. Kann das wirklich sein? Trotzdem teilte ich sie. Denn es gibt Genitalverstümmelung. Es gibt die Entführung von Mädchen durch Boko Haram. Es gab wohl wirklich Vergewaltigungen durch Is(is) Männer im Irak. Es gibt auf der ganzen Welt ständig Vergewaltigung, Misshandlung und Versklavung von Frauen und Mädchen. Nicht als Behauptung im Internet, sondern tatsächlich. Millionenfach belegt.

Jeder Horror, der gemeldet wird, kann wahr sein. Jeder Horror, der gemeldet wird, kann aber auch erfunden sein. Das Problem ist, dass wir kaum noch unterscheiden können, was was ist. Es geht so schnell, da ein Foto, dort eine Schlagzeile, ab ins Internet, und schon berichten selbst seriöse Zeitungen über die angebliche „Tatsache“. Je weiter weg etwas geschieht, desto schwieriger ist es, die Wahrheit darüber herauszufinden.

Wobei das Problem nicht neu ist. Mit Fotos wurde und wird schon immer gelogen. Das Foto mag echt sein, aber das Dargestellte war (und ist) nicht immer das, was in der Bildzeile steht. Und wer macht sich schon die Mühe, zu überprüfen, ob das, was einst Journalisten erzählt wurde, immer der Wahrheit entsprach? Es geht nur sehr viel schneller heute, der Verbreitungsradius ist ungleich weiter, und wir, die wir die Meldungen lesen und uns die Fotos oder Videos dazu ansehen, haben keine Zeit, um wirklich darüber nachzudenken.

Was also tun? Ich habe keine Ahnung. Ich denke jetzt bloß lieber fünfmal darüber nach, bevor ich ein „gefällt mir“ setze zu Meldungen, die ich nicht einschätzen kann. Und zehnmal, bevor ich etwas teile. Und stelle mir gleichzeitig vor: Jemand berichtet über etwas ganz Entsetzliches, das wirklich geschieht, und niemand will es mehr glauben. Jede/r sagt: „Das ist garantiert wieder ein Fake!“

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Ein Gedanke zu „Wahr oder Fake?

  1. Ich habe eine Kurzgeschichte zu dem Thema geschrieben. Das wirkliche Leben, heißt sie und beschreibt, wie für eine Illustrierte die Bildbeweise fotografiert werden. Bei Lesungen immer garantierte Ungläubigkeit im Saal, dass so dreist gefaket wird.
    Nachzulesen in „Einstieg in Fahrtrichtung“, Unionsverlag Zürich, 2013
    Liebe Grüße
    Sia Bronikowski

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