Sisyphos ist eine Frau

Letztes Jahr haben wir, die „Ehemaligen“, in Wien 40 Jahre AUF (Aktion Unabhängiger Frauen) gefeiert, sprich: 40 Jahre Neue Frauenbewegung in Wien. Und damit: uns. Mit Buchpräsentation, Musik und Kabarett. Wir waren ziemlich stolz auf uns, und die jungen Frauen (und auch erstaunlich viele junge Männer) im Publikum waren ziemlich beeindruckt von unseren Geschichten. Es war ein wunderbarer Abend.

Zurück in Köln lief ich an Mädchen vorbei, die „unten rum“ außer Strumpfhosen nichts anhatten. Das lange T-Shirt, das sie trugen, reichte nicht ansatzweise über den Po. Sie waren de facto quasi nackt. Auch wenn sie sich „obenrum“ in dicke Daunenjacken hüllten. An der U-Bahn-Haltestelle hing das Vorbild der Mädchen: Das Plakat, auf dem ein Model Werbung für ich weiß nicht mehr welches Klamottenlabel machte. Nur mit Strumpfhose bekleidet.

Ich habe als Mädchen eine Zeitlang Miniröcke getragen. Weil das damals, in den Sechzigerjahren, unglaublich cool war. Ich musste die Röcke heimlich hochkrempeln und zigmal umstülpen, denn einen echten Minirock hätte meine Mutter nie geduldet. Ich bin mir aber sicher: Nur eine Strumpfhose hätte ich niemals getragen. Ich hätte mich damit ausgeliefert gefühlt. Ausgeliefert jedem Männerblick, jeder Anmache und jeder Phantasie, die in Männerhirnen bei meinem Anblick abgegangen wäre. Und: Meine Mutter, die natürlich wusste, wie ich „heimlich“ rumlief, hätte mich nachhause gezerrt, wenn ich mich angezogen hätte wie eine Prostituierte bei der Arbeit auf dem Straßenstrich (in ihrer Freizeit ziehen sich Prostituierte, zumindest die, die ich kenne, nicht so an).

Das ist nur ein Beispiel für die gnadenlose Sexualisierung der Mädchen und jungen Frauen in unserer Gesellschaft. In anderen Gesellschaften werden Mädchen (und erwachsene Frauen) entführt, vergewaltigt, verkauft. Immer wieder, und nicht „nur“ von Boko Haram und IS. Vergewaltigung ist ein anerkanntes kriegerisches Mittel zur Demoralisierung des Feindes und der Triebabfuhr der eigenen Soldaten, Söldner, Gotteskrieger. Und es ist so „normal“. Es gelangt in die Medien, wenn die Entführer und Vergewaltiger gerade ein Land aufmischen und so das Interesse der Medien auf sich ziehen. Was alltäglich geschieht, ist nicht der Rede beziehungsweise des Nachrichtenberichts wert.

Und ich frage mich: Wird das immer noch mehr? Wird es immer noch „normaler“? Und gleichzeitig immer weniger der Rede wert? Warum sind es immer (fast) nur Frauen, die dagegen protestieren? Die aufschreien? Die fordern, dass „the girls“ zurückgebracht werden? Die sich zusammenschließen, um sich und andere Frauen gegen Vergewaltiger zu verteidigen?

Und warum sind es immer nur so vergleichsweise wenige Frauen? Warum hat sich nur so wenig geändert, seit wir vor 40 Jahren auf die Barrikaden gegangen sind? Warum ziehen Frauen hierzulande immer noch einen Mann vor, der größer ist als sie und mehr verdient? Warum machen Frauen immer noch (fast) alleine den Haushalt? Warum schützen Mütter ihre Töchter nicht davor, als minderjährige Sexangebote herumzulaufen? Warum lehren Mütter ihre Töchter nicht, sich selbst zu schützen und mutige, selbstbestimmte Frauen zu werden, die ihr Leben in die Hand nehmen und nicht nach dem ersten Kind zum Dienstmädchen der Familie mutieren? Warum lehren Mütter ihre Söhne nicht, einen Haushalt zu führen?

Wir Feministinnen haben Jahrzehnte lang untersucht, wie und warum Männer in patriarchalen Gesellschaften Frauen unterdrücken, ausbeuten, ausnutzen, misshandeln, vergewaltigen, etc. pp. Wir haben auch versucht, herauszufinden, warum Frauen sich nicht dagegen wehren (können) und/oder sogar dabei mitmachen. Wir haben materielle, historische und psychische Ursachen dafür gefunden und viel begriffen. Aber es bleiben Fragen offen.

Warum gab es immer wieder Rebellionen von (einzelnen oder auch vielen) Frauen, die schließlich verebbten oder erfolgreich niedergeschlagen wurden? Warum folgt auf jeden Erfolg, den wir errungen haben, ein brutaler Rollback? Warum sind wir nie genug, um die Gesellschaft wirklich von Grund auf zu verändern? Warum geht es uns immer wieder wie Sisyphos? Der den Stein unablässig den Berg hinauf schleppte, nur damit der wieder runter rollte? Sisyphos muss in Wahrheit eine Frau gewesen sein.

Nein, ich bin nicht naiv. Ja, ich habe die gesamte einschlägige Literatur rauf und runter gelesen. Ich habe endlose Diskussionen über diese Fragen geführt. Ich weiß, wie viele Frauen es überall auf der Welt gibt, die sich nicht unterkriegen lassen, die weiter für ihre Rechte und die Rechte aller Frauen auf Menschenwürde, Unversehrtheit und Gleichbehandlung kämpfen. Die ihren Töchtern vermitteln: Du bist ein vollwertgier Mensch!

Aber meine Fragen werden dadurch nicht wirklich beantwortet.

Sollten wir nochmal darüber reden, junge Frauen und „alte Kämpferinnen“? Uns diese Fragen gemeinsam stellen? Ohne Polemiken, ohne Rechthaberei? Ohne die jeweils andere(n) von vorneherein für wahlweise oberflächlich, altmodisch, leichtfertig oder lustfeindlich zu halten?

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3 Gedanken zu „Sisyphos ist eine Frau

  1. Ja! Wir sollten es immer wieder aufs neue angehen! Aufklären, erklären, klären: wie schädlich es ist, dass Frauen Frauen niedermachen, entmutigen oder mittels Stutenbissigkeit mobben und vergraulen! Auch wenn wir Alten uns (fast immer) dieselben Gegenargumente gefallen lassen müssen, weil es doch“ soo viel Wichtigeres auf der Welt gibt (z.B. Krieg, Hunger, etc pp) als Emanzipation, Sprache, Frauenzusammenhalt, Anti-Gewalt-Konzepte u.u.u..

  2. Ich bin doch recht erschrocken über so einen Beitrag. Es doch nicht darum verhüllt rumzulaufen, sondern Sexualität offen zu leben, sich zu zeigen. Freiheit in dem zu haben was wir tragen. Egal was die Jugend usw. anhaben, kein Mann hat das Recht das einen Übergriff zu machen!!! Die Fragen für viele Mütter und Väter die dies lesen eine Frechheit. Viele Eltern schützen, aber heftige Verbote zu erteilen ist in der heutigen Zeit auch nicht maßgebend. Was ist mit den Frauen die gekämpft haben freier zu sein, freier auch in der Kleidung? Was ist mit den Müttern und den Vätern deren Kinder immer das Gegenteil machen? Ist es nicht ähnlich dem hochgekrempelten Rock damals? Ja, das ist es. Schon einmal wirklich überlegt wie viele ihre Kinder schützen und dennoch etwas passiert?!!! Es klingt als würden Eltern ja soviel falsch machen, aber es sollte wirklich bedacht werden wie schwer es oft ist, Kinder zu haben. Die Eigenständigkeit der Kinder lässt auch oft Wünsche, Äußerungen usw. der Eltern nicht heran. Dann ganz hart ausgedrückt: Wirklich mal in die neue Zeit ankommen und dann weiter für Frauen kämpfen. Gegen Gewalt, Gegen Übergriffe, für das Loslösen einer Gewaltverbindung, aber bitte nicht die Kleidung kritisieren. Nochmals Freiheit und Offenheit ist wichtig. Jede Frau kann und hat das Recht sich zu kleiden wie sie will. Das gibt wie gesagt niemanden das Recht zu vergewaltigen oder sonst etwas! Elternteile bitte nicht oberflächlich schlecht machen! Das sind Behauptungen/ Annahmen die über eine große Bandbreite nicht stimmen.

  3. In den 60ern Miniröcke, derzeit Strumpfhosen, in zwanzig Jahren vielleicht gar nichts mehr? Und dann werden diejenigen, die heute die Sexualisierung der jungen Mädchen mit Emanzipation und Freiheit verwechseln, es auch besser wissen. Und genauso vergeblich dagegen schreiben wie du jetzt. Im Buch „Wir Alphamädchen“ las ich etwas zu dem Thema. Sinngemäß (ich habe das Buch einer jungen Kollegin geschenkt): Du kannst anziehen, was du willst. Aber du darfst dich dann nicht wundern, wenn dir kein Respekt entgegengebracht wird. (wenn die Kleidung nämlich sehr freizügig ist)
    Natürlich darf sich jede Frau anziehen, wie sie will, sie kann auch in Unterwäsche auf die Straße gehen, das gibt niemandem das Recht, sie zu belästigen. Aber wundern sollte sie sich nicht über die Reaktionen, die unweigerlich eintreten werden.
    Wir brauchen nicht glauben, dass die Emanzipation unumkehrbar ist. Bereits in der Vergangenheit gab es immer wieder Ansätze für mehr Frauenrechte, die allesamt irgendwann wieder ins Gegenteil umgekehrt wurden. Wir sollten uns nicht zu sicher fühler, dass uns die Errungenschaften niemand mehr wegnehmen kann.

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