„Do kannst di aber ned hinstelln, Pupperl!“

Mit diesem Satz gab mir eine der Frauen auf dem Wiener Gürtel zu verstehen: Du kannst dich nicht einfach hier hinstellen um anzuschaffen. Die Plätze sind vergeben. Neue müssen sich hinten anstellen.

Dabei wollte ich gar nicht anschaffen. Ich war stehen geblieben, weil ich nicht mehr wusste, welche Querstraße ich nehmen musste, um zu unserer neuen Wohnung zu gelangen. Die lag in einer Parallelstraße des Gürtels und damit auch des Straßenstrichs. Und ich hatte rasch bemerkt: Spätnachts ist es sicherer, über den Strich nachhause zu gehen als hinten rum, wo es ziemlich einsam und düster war.

Im Laufe der Zeit lernten wir uns kennen, die „Mädchen“ und ich. Ich blieb schon mal stehen und schwatzte mit ihnen, wenn nichts los war und sie sich gerne ablenken ließen von der Studentin, die so vieles wissen wollte.

Später lebte ich ein paar Monate in Hamburg. Suchte einen Job und fand an der Uni einen Aushang: Bedienung in Gaststätte gesucht. Die Gaststätte war eine Kneipe auf der Reeperbahn. Mir grade recht, denn ich wohnte nicht weit davon, im Karoviertel, und konnte nach der Nachtschicht zu Fuß nachhause gehen. Mein Job war es, hinter dem Tresen zu stehen und die Gäste an der Bar zu bedienen: Touristen, und, in den frühen Morgenstunden dann, die Frauen, die anschafften und noch auf einen Absacker vorbei kamen.

Irgendwann hatte ich die klassische Rolle des Barkeepers: Die Frauen erzählten, ich hörte zu. Stellte schon mal eine kleine Nachfrage. Guckte mitfühlend, wenn Tränen flossen. Lachte mit, wenn es was zu lachen gab. (Und wir lachten häufig.) Ich erfuhr in dieser Zeit vieles. Mehr und ungeschminkter noch als in Wien. Von den Kindern, dem Freund, den Freiern, von Übergriffen und Überdruss und kleinen Freundlichkeiten.

Jahrzehnte später, als ich als politische Gefangen im Knast saß, waren viele meiner Mitgefangenen Prostituierte. „Richtige“ Profis, oder Junkies, die anschafften, um sich das Geld für den Stoff zu verdienen. Was die Frauen mir hier erzählten, war noch offener, direkter, vertraulicher als das, was ich schon in Wien und Hamburg gehört hatte. Und dann schrieb ich mein Buch „Es macht die Seele kaputt. Junkiefrauen auf dem Strich“, für das ich lange Zeit auf dem Kölner Drogenstrich recherchierte und vor allem lange, intensive Gespräche mit den Frauen führte, die dort arbeiteten.

Was ich in all diesen Jahrzehnten zum Thema Prostitution zu hören bekam, hatte tragische, komische, grausame, deprimierende, eintönige und absurde Aspekte. Ich erfuhr von Stammfreiern, die „ihrer“ Prostituierten zu Weihnachten das selbe Parfum schenken wie ihrer Frau. Von Freiern, die erst den ohnehin katastrophal niedrigen Preis herunterhandeln, und die Prostituierte dann anal vergewaltigen. Vom Zwang, sich jeden Abend unter der Dusche bis aufs Blut abzuschrubben und trotzdem schmutzig zu fühlen. Von Urin-, Samen- und anderen, undefinierbaren, Resten auf dem Penis, die frau beim Stammkunden schon mal vorher mit dem Kleenex  abwischen kann. Die sie aber bei normalen Freiern im Wortsinne runterschlucken muss.

Ich erfuhr, wieder und wieder: Es ist kein Job wie jeder andere, wenn man Tag für Tag, mehrmals am Tag fremde Schwänze in den Mund, die Vagina, den Anus gesteckt bekommt.

Ich erfuhr auch, warum die Frauen es machen: Weil sie das Geld brauchen. Weil sie arm sind, Schulden haben, nicht wissen, wie sie die Kinder ernähren oder die Drogen beschaffen sollen. Oder beides. Weil Nachbarinnen, ehemalige Schulkameradinnen, Freundinnen schon anschafften und sagten: „Komm, ist nicht so schwer, ist schnelles Geld.“ Weil der Freund sagte: „Ich brauche ein Auto! Und wir wollen doch auch mal in Urlaub fahren!“ Weil ein Zuhälter mit der klassischen „Ich liebe dich über alles, aber jetzt musst du auch was für mich tun“-Nummer landen konnte. Weil der vermeintliche Liebste zusammen mit zehn seiner Kumpels die Frau so lange vergewaltigten, bis sie im Wortsinne nicht mehr sie selbst war.

Frauen wird auch heute noch suggeriert: Du bist nur etwas wert, wenn Männer dich begehren. Für Liebe musst du zu allem bereit sein. Du wirst immer weniger verdienen als Männer – aber du kannst deinen Körper vermarkten. Und, last but not least: Man kann sich auch die größte Scheiße schön reden.

Dazu kommt, bei den allermeisten: Armut. Ich habe in all den Jahrzehnten keine Frau getroffen, die ein ausreichendes Einkommen oder Aussichten auf einen guten Job hatte und dennoch auf dem Strich stand. Vielleicht gibt es im Escort Service welche, die dann trotzdem was weiß ich warum anschaffen. Aber die Mehrheit der „normalen“ Prostituierten kommt aus armen Verhältnissen, hat keine (vernünftige) Ausbildung und kein Geld. Und kann auch keines sparen, um irgendwann mal auszusteigen. Das, was Prostituierte auf dem Strich oder im Laufhaus verdienen, geben sie für die Zimmermiete, Taxis, Kosmetika, Friseur, Klamotten aus – für das also, was man steuerlich Arbeitsaufwendungen nennt. Und für Alkohol, Tabletten, Koks oder auch Heroin. Weil den Job auf Dauer keine nüchtern aushält.

Prostitution ist ganz wesentlich auch eine Klassenfrage. Auch wenn im Fernsehen und auf akademischen Kongressen beredte, selbstbewusste „Sexarbeiterinnen“ so tun, als wäre Anschaffen eine interessante Option für jede Frau.

Ich bin gegen ein Verbot der Prostitution, weil das die Frauen wieder in die Heimlichkeit zwingen und damit den Übergriffen von Freiern und Zuhältern völlig schutzlos ausliefern würde. Ich bin für strenge Auflagen für Bordelle, Laufhäuser etc. und auch die Straßenstriche, um hygienische Verhältnisse, Rückzugsmöglichkeiten, eigene Toiletten für die Frauen und akzeptable, selbstbestimmte Arbeitsmöglichkeiten (wenigstens halbwegs) sicherzustellen. Ich wünsche mir, dass diejenigen, die über die Änderung des Prostitutionsgesetzes beraten und entscheiden, auch mit den ganz normalen Frauen auf dem Straßenstrich reden. Und nicht nur mit den meist selbsternannten „Interessensvertreterinnen“ der Prostituierten und den Glamourladies die in Talkshows ihre Show abziehen.

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2 Gedanken zu „„Do kannst di aber ned hinstelln, Pupperl!“

  1. Ingrid, super! ich teile Deine Haltung in den meisten Punkten!
    Es gibt sie allerdings schon, die professionellen Sexarbeiterinnen – diejenigen die selbstbewusst, selbstbestimmt, teils auch im Sinne von Transformität als bewusste Performance und in professioneller Reflexivität ihr Leben gestalten und ihren Job darin ausführen!
    Wenn auch längst nicht Alle.
    Viele sind anders – viele sind nicht nur aufgrund einer „Klassenfrage“ Prostituierte, sondern aufgrund der „neoliberalen“ Modernisierung der Gesellschaft, technologischer Rationalisierungsschübe, der Veränderung von Arbeit und Organisation, dem Wandel der Sozialcharaktere, der sog. Normalbiographien, der dynamisierten, quantitativen Pluralisierung der Lebensformen, der politischen Unterdrückungs- und Beteiligungsformen, der Wirklichkeitsauffassungen und Erkenntnisformen, einhergehend mit einer sich potenzierenden und damit nur schwer berechenbaren Zunahme prekärer Arbeits- und Einkommensverhältnisse.
    Wie schreibt es doch Sibylle Raasch schon 1998 in „Ökonomie und Sozialstaat“ so schön: „In der (Lebenslauf-)Perspektive der meisten westdeutschen Frauen heißt Individualisierung heute, daß sie auf sich selbst gestellt sind, wenn es darum geht, die Inkonsistenzen eines Systems kleinzuarbeiten, in dem eigenständige Erwerbsarbeit allgemeine Norm, Regel – aber nur für ein Geschlecht, das männliche – regelmäßig vorgesehen ist. (…) Diese Art von Individualisierung und Pluralisierung, das ausschließlich weibliche wechselhafte Leben auf eigene Faust zwischen Heirats- und Arbeitsmarkt, zwischen Sozial- und Arbeitsamt, Fürsorge, Unterhalt und Lohn, zwischen Ehe, Familie, Bildungsschleifen und Beruf erwartet und erleben nun auch ostdeutsche Frauen im Transformationsprozess.“
    Solange zur „Sicherung des Sozialsystems“ zur „Standortsicherung“ und zur „Wettbewerbsfähigkeit“ sog. weiche Standortfaktoren wie das Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte oder die soziale Infrastruktur den sog. harten Standortfaktoren untergeordnet werden, solange prekäre und befristete, deregulierte und felxibilisierte Arbeitsverhältnisse künftige Lebensentwürfe prägen, Massenarbeitslosigkeit normal ist …..
    Ach…. Ausgrenzung als systematischer (Globaliserungs-)Prozess und dabei reden alle von Inklusion. Das abarbeiten an Prostitutionsgesetzen zur weiteren Stigmatisierung, Ausgrenzung und Kriminalisierung von Frauen, die die Gesellschaft selbst hervorgebracht hat, selber ist, … . Was für ein Spiegel des Ausgrenzungsproblems, das eigentlich ja nur eine Minderheit betrifft (warum sollte sich eine Mehrheit um etwas kümmern, das sie nicht betrifft) und doch irgendwie und sei es der Abgrenzung wegen, sei es um den Wandel der Bedeutung und Realität von sozialer Ausgrenzung mit zu bestimmen.
    Ob neben ökonomischen und moralischen Werten und einer weitreichenden Hegemonie der Männlichkeit auch eine Wertschöpfung gefragt ist, die nachhaltig die „Authentizität“ aller beteiligten Frauen miteinbezieht?

  2. Der Kommentar von pourquoi2014 ist bestimmt sehr inhaltsreich und fundiert. Aber leider für mich ziemlich unverständlich, mir ist es ehrlich gesagt zu mühsam, diesen Text auf „verständlich deutsch“ zu übersetzen.

    Damals gab es den Gürtelstrich noch, heute will man die Prostituierten ja am liebsten in der Öffentlichkeit nicht mehr sehen. Ich habe keine persönliche Erfahrung mit Prostituierten, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau aus freien Stücken und ohne Not diesen „Beruf“ ausübt. Mich verwundert immer die Verachtung, die diesen Frauen entgegengebracht wird, nicht jedoch den „Freiern“ (mir fällt kein passender Begriff ein, der meine Verachtung für diese Männer angemessen zum Ausdruck bringt).

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