Ich weine um dich,

 

kleines Mädchen. Sie haben dir einen Bombengürtel um den Leib gebunden, dich losgeschickt und dann in die Luft gesprengt, zusammen mit fünf anderen Menschen, die sie töten wollten. Du warst sieben Jahre alt, als sie dich zur beweglichen Bombe gemacht haben. Ich weiß nicht, was sie vorher mit dir angestellt, was sie dir angetan haben. Man weiß, dass die Männer von Boko Haram und Co Mädchen vergewaltigen und als „Bräute“ verkaufen. Ich weiß nicht, ob sie auch dich vergewaltigt haben, wie oft und zu wie vielen. Aber sie wären nicht die ersten und nicht die einzigen, die das auch mit siegenjährigen Mädchen machen. Und ich bin mir sehr sicher, dass keine Siebenjährige sich freiwillig in die Luft sprengt.

Was ich weiß, ist: Überall werden Frauen und Mädchen Opfer von brutalisierter Gewalt. In Indien wurden Frauen aus den unteren Kasten wohl schon immer „einfach so“ vergewaltigt. Inzwischen kann es jede treffen, denn das Recht, das Männer sich nun nehmen, überschreitet selbst die Kastenschranken. In der Türkei werden immer häufiger Frauen getötet. Vielleicht war auch das schon immer so, und es ist bloß nicht öffentlich bekannt geworden. Vielleicht ist es aber (noch) schlimmer geworden. Im Krieg galten Frauen schon immer als Beute der siegreichen Soldaten, als ihre „Belohnung“ und gleichzeitig als Instrument zur Demütigung des Gegners. Es hat aber, soweit ich weiß, noch keine kriegführende Truppe einen „Monat der Vergewaltigung“ ausgerufen, wie es jetzt im Süd-Sudan geschehen ist. Und es ist auf jeden Fall historisch belegbar, dass in der Pornografie die Herabwürdigung und Misshandlung von Frauen noch nie in einem solchen Ausmaß derart gängig und verbreitet waren, wie sie es heute sind.

Ich weine um dich, kleines Mädchen, und ich weine um deine Schwestern überall auf der Welt, die missbraucht, ermordet, vergewaltigt, verkauft werden. Und ich frage mich, warum all das keine allzu große oder medial berichtete Erschütterung und Empörung hervorruft. Und wenn ich ganz bitter und zynisch werde, frage ich mich das gar nicht mehr, sondern meine, es zu wissen.

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2 Gedanken zu „Ich weine um dich,

  1. ach, ingrid! diese meldung hat auch mich in eine tiefe depression gebracht, oma von einer fünfeinhalbjährigen enkeltochter, die nächste erwarten wir im kommenden mai, macht frau sich doch noch mehr als sonst so ihre gedanken, was für eine welt, in die diese armen geschöpfe hineingeboren werden!

    danke für deinen beitrag!

    alles liebe dir,

    die eva

  2. Liebe Ingrid Strobl,

    erst jetzt lese ich Ihren Beitrag und finde es nicht anachronistisch, Ihnen dazu im Mai noch zu schreiben. Auch mich hat es wie ein Schlag mitten ins Herz getroffen, als ich beim Abendbrotessen von der „Nachricht“ im Radio überrascht wurde. Danach war nichts mehr wie vorher, „unschuldiges“ Nichtwissen wandelte sich in das Bild von einem kleinen Mädchens, dass vielleicht voller Vertrauen, vielleicht aber auch voller Furcht in das Gesicht des Menschen schaut, der vor ihr kniet und den Bombengürtel festzurrt. Immer wieder holt mich das Bild ein, Und es ist ein Kraft, zu erfahren, dass auch andere Menschen entsetzt, tief traurig und wütend sind, wenn sie so etwas erfahren. Das „Böse“ wird nicht siegen, solange wir in der Lage sind, mitzufühlen, zu trauern und voller Tatkraft dagegen anzulieben. Auch wenn das Gefühl der Ohnmacht manchmal unerträglich ist….

    Herzlichen Dank für Ihre vielen guten Reportagen, die ich immer wieder im WDR hören kann.
    Anke Dinsing

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