Flüchtlingseuphorie

„Das ist eine hochgekochte Euphorie“, höre ich. „Wo waren die alle denn vorher?“

Ich stelle mir vor: Ich bin vor dem Krieg und Terror in meinem Land geflohen. Bin zu Fuß durch halb Europa gelaufen, vor Hitze und Durst fast verrückt geworden, Polizisten haben sich auf mich gestürzt, mich in ein Lager verschleppt, bedroht. Dann komme ich auf einem Bahnhof in Deutschland an. Da stehen Menschen, die applaudieren mir und den anderen, als wir aus dem Zug steigen. Die halten Schilder hoch: „Refugees wellcome!“

Ich bin mir sicher: Ich würde mich darüber sehr, sehr freuen.

Ein Freund, alter Linker, spottet: „Das ist jetzt wieder WM-Stimmung. Klasse. Die Gutbürger toben sich an den Flüchtlingen aus.“

Tun sie das? Haben wir ein Recht zu spotten? Macht es Sinn zu spotten? Eine Freundin, die seit zig Jahren Flüchtlingsarbeit macht, ist froh über die aktuelle Hilfsbereitschaft und gleichzeitig ein wenig skeptisch: „Ich hoffe, das hält an“, sagt sie

Ich bin da auch ein wenig skeptisch. Und besorgt: Wie lange kann man Euphorie aufrechterhalten? Was passiert, wenn ein Flüchtling eine Frau vergewaltigt? Wenn sich ein vermeintlicher Flüchtling als IS-Aktivist entpuppt? Schlägt die Stimmung dann um?

Ich bin nicht naiv. Ich bin aber auch keine, die ums Verrecken will, dass „die Deutschen“ sich Nazi-mäßig verhalten, damit ich weiter meine Selbstgerechtigkeit nähren kann. Ich freue mich, wenn so viele Menschen hier helfen wollen und den Ankommenden signalisieren: Ihr seid willkommen!

Ich bin auch realistisch. Die Euphorie wird verfliegen. Enttäuschungen werden nicht ausbleiben. Die Rechten werden versuchen, jedes Fehlverhalten eines Flüchtlings für ihre Hetze zu benutzen.

Aber: Ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, die jetzt an Bahnhöfen und vor Flüchtlingsunterkünften Hilfe anbieten, eine Erfahrung machen, die nachwirkt: Sie sehen keine Zahlen, keine „Überschwemmung“, keine sonst was. Sie sehen Menschen. Die sich über ihre Zuwendung freuen. Die ihnen danken. Und ich denke, das ist ein guter Boden, um weiterzumachen. Und ein Schutzschild gegen Manipulation. Gegen den dummen, egomanen, rassistischen Unfug, den nicht nur deklarierte Nazis erzählen sondern auch „ganz normale“ europäische Politiker.

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5 Gedanken zu „Flüchtlingseuphorie

  1. … ich stimme dir voll und ganz zu, liebe ingrid. obwohl ich nicht zu den optimisten gehoere, freut mich die aktuelle anteilnahme sehr. das habe ich so nicht erwartet und es ist eine deutlich andere stimmung als anfang der 90er :))

    herzlich tina

  2. Die Hilfe hier in Cuxhaven ist ueberwaeltigend, ich denke es ist normal wenn die Euphorie verfliegt, sie wird dem Alltag weichen und das Leben mit Fluechtlingen, Neubuergern wird zur Normalitaet, zumindest im Westteil des Landes fuer den anderen Teil kann ich nur Daumen druecken und sagen Toi, Toi, Toi! und hoffen das die einigermassen normal bleiben in Dunkeldeutschland!

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