Nackte Prinzipien

„Und wenn ich nackt auf dem Bahnhof stehen würde – keiner hätte das Recht, mich anzufassen!“ Diesen Satz höre ich seit der „Kölner Silvesternacht“ wieder häufig. Vor allem von jüngeren Frauen. Vom Prinzip her ist dieser Satz richtig. Egal, wie eine Frau sich kleidet, es erlaubt niemandem, sie sexuell zu belästigen oder ihr noch Schlimmeres anzutun.

Trotzdem kann ich nur staunen, wenn ich das höre. Oder die Mädchen sehe, die in Strumpfhose und Jacke herumlaufen. So stehen Frauen, wenn es kalt ist, auf dem Straßenstrich. Signalisieren potentiellen Kunden: „Ich stehe zur Verfügung.“ Privat, jenseits der Arbeit, ziehen sie sich anders an. Weil das wärmer und bequemer ist. Und weil sie da nicht zur Verfügung stehen.

In unseren Breitengraden haben die Menschen sich immer bekleidet. Für etwas anderes ist es schlicht zu kalt. Irgendwann haben Frauen, die das Begehren von Männern auf sich ziehen wollten (aus professionellen Gründen, oder weil sie sich Vorteile davon versprachen), angefangen, Teile ihres Körpers mehr oder weniger zu entblößen. Das Signal war immer eindeutig: Ich biete mich an. Und nicht: Ich habe Lust. Das wurde von Frauen, die es sich trauten, auf sehr viel indirektere, raffiniertere, feinere Art signalisiert. Und auch nur dem Mann, auf den die betreffende Frau Lust hatte. Sie stellte sich nicht auf den Marktplatz und hob die Röcke.

Eine Frau, die ihren Körper auf eine bestimmte Art zur Schau stellt, wird als Sexualobjekt wahrgenommen, ob sie das will oder nicht. Gegen eine Jahrhunderte alte Prägung, eine Männern (und auch Frauen) in Fleisch und Blut eingegangene Wahrnehmung ist mit Erklärungen und Provokationen nicht anzukommen. Frauen, die nackt gegen Putin demonstrieren, zeigen Putin nackte Frauenkörper. That´s all. Davon hat er schon mehrere gesehen. Mädchen, die über ihrer Strumpfhose nichts anhaben, signalisieren: „Greif zu!“ Dass sie selbst das nicht so sehen, ändert nichts an dem, was in den Köpfen (und nicht nur Köpfen) der Betrachter abgeht.

Wir leben immer noch in einer Männergesellschaft. Und zwar in einer, in der Pornos immer härter werden, in der Sechzehnjährige in Internetforen fragen: „Muss ich auch Analsex machen?“ In der Mädchen mit einer nie dagewesenen Eindeutigkeit als Sexualobjekte dargestellt werden. Wenn eine junge Frau „untenrum“ nur eine Strumpfhose trägt und dazu ein Oberteil, das kaum den Po bedeckt, sendet sie damit, ob sie es will oder nicht, ein Signal aus, das sie nicht im Griff hat.

Ich höre schon die empörten Stimmen… „Wenn wir sexy aussehen wollen, dann ziehen wir uns sexy an, und das lassen wir uns nicht verbieten!“ Aber was ist sexy? Wer bestimmt, was sexy ist? Der Look, der heute als sexy gilt, basiert auf einer Porno-Ästhetik, auf einer Ästhetik der Prostitution. Die signalisiert: „Ich bin zu haben. Bediene dich!“ Was heute als sexy gilt, ist nicht erotisch. Es ist Verdinglichung, ist sich zum Objekt machen, das Gegenteil von Selbstbestimmung. Und wenn junge Frauen sich einreden, es wäre ihr eigenes Bedürfnis und Ausdruck ihres Lebensgefühls, wenn sie sich als Sexobjekte präsentieren, dann weiß ich, wie massiv das Imperium schon zurückgeschlagen hat.

PS: Ich bin die Generation Minirock. Als der aufkam, habe ich mir, natürlich, die Röcke so weit wie möglich hochgekrempelt. Und meine Cousine überredet, mir einen „echten“ zu schneidern. Wobei unsere Minis in den Sechzigerjahren ein paar Zentimeter über dem Knie endeten und nicht einen Zentimeter unter dem Po. Als dann der Hippie-Look aufkam: lange Röcke, weit und bunt, bin ich sofort darauf umgestiegen und war heilfroh. Denn mit den Minis, das hatte ich bald raus, konnte ich nicht bequem = breitbeinig sitzen. Da musste ich die Knie „damenhaft“ aneinanderpressen. Mit dem langen Rock aber hatte ich dieselbe Freiheit wie mit einer Hose: Ich musste mich nicht verkrampfen, konnte meinen Platz einnehmen. Fühlte mich alleine dadurch schon stark und selbstbewusst. Wie man sich kleidet, das wirkt nämlich nicht nur auf andere. Sondern auch auf einen selbst. (Und by the way: Auf „Spießer“ wirkte ich damit sehr viel provokanter als im Mini.)

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