Sexarbeit? Wo lebt ihr?

To whom it may concern: Ich soll ein Manifest unterschreiben, in dem es unter anderem heißt: „Als Feminist*innen lehnen wir sexistische und frauenfeindliche Formulierungen ab, nach denen Sexarbeiter*innen ´ihre Körper verkaufen´ oder ´sich verkaufen´. Die Andeutung, dass Sex Selbstaufgabe oder den Verlust von sich selbst oder eines Teiles von sich selbst bedeutet, ist zutiefst unfeministisch. Der Wert von Frauen wird durch Sex nicht reduziert.“

Die Verfasserinnen dieses Manifests verwechseln offenbar Sex mit Prostitution. Beziehungsweise umgekehrt. Nur so kann ich mir den Satz „Der Wert von Frauen wird durch Sex nicht reduziert“ erklären. Dieser Satz ist an sich völlig richtig. Und ich füge hinzu: Der Wert der Frau, die als Prostituierte arbeitet, wird durch ihre Arbeit nicht reduziert. Bloß: Sex mit Prostitution gleichzusetzen, das ist etwas völlig anderes. Nur zur Sicherheit, falls Ihnen, den Verfasser/inn/en dieses Manifestes, das wirklich nicht bewusst ist: Die Frau, die mit einem Freier einen sexuellen Akt vollzieht, wird davon weder sexuell erregt noch befriedigt. Prostitution (von Frauen) ist eine sexuelle Handlung zwischen dem, der nimmt und der, die gibt beziehungsweise ihren Körper  zur Verfügung stellt, weil sie dafür eine bestimmte Summe erhält. Wenn das die „feministische“ Interpretation von Sex sein soll, dann weiß ich nicht mehr, was Sie unter Feminismus verstehen.

Richtig ist: Frauen, die als Prostituierte arbeiten, verkaufen nicht sich selbst. Aber haben Sie schon einmal mit Frauen gesprochen, die anschaffen? Beziehungsweise mit denen, also der überwiegenden Mehrheit, die ihre Arbeit nicht ideologisieren, verharmlosen und glorifizieren? Sie werden ihnen sagen, was Prostitution ganz konkret heißt: Fremde Männer stecken ihren Schwanz, ihre Zunge, ihre Finger in alle Körperöffnungen der Frau. Sie waschen sich den Penis nicht, bevor sie einen Blow-Job verlangen, und sie wollen „alle immer ohne Gummi“. Oft wollen sie auch, dass die Frau ihre Ergüsse schluckt. Immer mehr wollen Anal-Sex, für den früher die wenigen Frauen, die dazu bereit waren, deutlich mehr Geld nahmen als für Verkehr. Und der, wenn es nach vielen Freiern geht, heute für sehr viel weniger Geld zum Programm gehören soll.

Was also verkaufen die Frauen, wenn nicht ihren Körper? Sie selbst empfinden es durchaus so, denn fast alle, mit denen ich gesprochen habe (und das sind eine Menge), schrubben sich nach der Arbeit noch nach Jahren ewig unter der Dusche ab.

Meine ersten Begegnungen und Gespräche mit Prostituierten hatte ich 1971, also vor mittlerweile gut 45 Jahren. Seither habe ich immer wieder mit Prostituierten gesprochen und ausführliche Interviews mit ihnen gemacht. Diese Frauen standen/stehen auf dem Straßenstrich, sie haben sich nicht zu etwas hoch gestylt, sie ertragen den „Job“ nur, weil sie keine andere Möglichkeit für sich sehen, und/oder weil sie gerade das Geld dringend brauchen, und/oder weil sie Angst vor ihrem Zuhälter haben, und/oder weil sie ihre Empfindungen mit diversen Tabletten/Drogen oder Alkohol  so weit wie möglich ausknipsen, oder weil sie heroinabhängig sind.

Und was den Rassismus betrifft: Fragen Sie mal nigerianische Frauen, warum sie anschaffen. Und wie gerne sie das tun. Oder eben nicht. Und wer sie dazu warum bringt. Oder gebracht hat.

Die Selbstdarstellung einzelner Prostituierter als Mädels, denen das Spaß macht, und die das total selbstbestimmt tun, hat verschiedene und oft sehr persönliche Gründe. Diese Behauptungen zu übernehmen und zu verallgemeinern aber, ist wahlweise naiv oder berechnend. Bordellbesitzer, Zuhälter und Freier freuen sich darüber. Bloß feministisch ist es nicht.

Noch ein Zitat aus Ihrem Manifest: „Die Verbreitung der Idee, dass die Kund*innen die Körper von Sexarbeitenden ´kauften` – und somit Sexarbeitenden antun könnten, was immer sie wollen – hat gefährliche und reale Folgen für das Leben von Sexarbeiter*innen.“

Nochmal: Sprechen Sie bitte mit ganz normalen Prostituierten. Lesen Sie, was auf Freier-Foren verbreitet wird. Lesen Sie die Service-Angebote von Bordellen. Surfen Sie mal kurz im Netz. Machen Sie die Augen auf. Dann werden Sie erkennen, dass nicht „die Idee, dass die Kund*innen die Körper von Sexarbeitenden ´kauften` – und somit Sexarbeitenden antun könnten, was immer sie wollen“ gefährliche und reale Folgen für das Leben von Prostituierten hat. Sondern dass Männer immer schon ihre sexuellen Gewaltphantasien an Prostituierten ausgelebt haben. Das gehört zum Geschäft.

Und dann schreiben Sie noch: „Sexarbeiter*innen gehörten zu den ersten Feminist*innen der Welt und unsere Gemeinschaft ist ohne sie unvollständig und geschwächt.“ Nein. Sorry. Is nich. Frauen, die tun, was Männer wollen, haben viele Gründe dafür. Aber Feministinnen sind sie deshalb nicht. Waren sie auch nie. Und unsere Gemeinschaft wäre sehr viel stärker, wenn Frauen nicht mehr als Prostituierte arbeiten würden/müssten und Männer sich nicht mehr einreden könnten, sie dürften für ein paar Euro in eine Frau eindringen. Und ihr für ein paar Euro mehr in den Mund pissen. Etc.

Ich bin in einem Punkt mit Ihnen einer Meinung: Ich lehne das „Skandinavische Modell“ ab, das den Kauf sexueller Handlungen für den Käufer unter Strafe stellt. Denn damit werden de facto die Frauen in die Illegalität gedrängt. Diese Gesetzesregelung zwingt sie, in klandestinen Häusern zu arbeiten, in denen sie sowohl den Betreibern dieser Häuser als auch den Freiern ausgeliefert sind. Was daran förderlich ein soll, kann ich nicht erkennen.

Was ich fordere, sind Arbeitsbedingungen, die den Frauen das Leben erleichtern. Vorschläge dafür gibt es schon lange, und auf der Geestemünder Straße in Köln kann frau sich anschauen, wie das für den Straßenstrich geht: Ein ausgeklügeltes und funktionierendes Alarmsystem, Platzverbot für Zuhälter, ein Rückzugsraum, sanitäre Anlagen, Ausgabe von Präservativen, bei Bedarf Beratung. Dazu müsste kommen: Bestimmte Bedingungen für das Betreiben eines Bordells; Verbote von Flat-Rates, Gang-Bangs und ähnlichen Praktiken; menschenwürdige sanitäre Verhältnisse; bezahlbare Zimmerpreise; etc.

Die Alternativen sind nicht Verbot oder Glorifizierung/Verharmlosung der Prostitution. Die Alternative ist erst mal ein im Sinne der dort arbeitenden Frauen funktionierender Pragmatismus.

Ansonsten träume ich weiter: Von einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichwertige Wesen sind und sich als solche begegnen. Von einer Gesellschaft, in der Männer nicht mehr meinen, sie hätten das Recht, sich Sex mit einer Frau zu kaufen. Und in der Frauen sich durch  nichts und niemanden gezwungen sehen, ihren Körper für die Benutzung durch Männer zur Verfügung zu stellen.

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