Strobls Buchkritik 1: Vincent Deary: Wie wir sind

Wenn ein Buch mit einem Motto beginnt, werde ich immer neugierig. Motti sagen viel über die Autorin/den Autor, über ihren/seinen Blick auf Menschen und Dinge, über ihre/seine Kenntnisse, Erfahrungen, Vorlieben, Belesenheit. Wenn nun ein Wissenschaftler seinem Werk die Songzeile You keep saming when you ought to be changing (Lee Hazlewood: These Boots are Made for Walkin´) voran stellt, hat er mich schon an der Angel. Nach der vollständigen Lektüre von „Wie wir sind“ hat Vincent Deary mich süchtig nach mehr gemacht. Und das, obwohl ich gar nicht in allem mit ihm einverstanden bin.

Vincent Deary, Psychotherapeut und Humanwissenschaftler, spricht als Autor Geist und Verstand, Herz und Seele und nicht zuletzt den Humor der Leserin, des Lesers an. Er macht neugierig, rebellisch, hoffnungsvoll und nachdenklich. Er ist anstrengend und beflügelnd, er… Stopp! Erst einmal sagen, worum es geht.

Was gar nicht einfach ist. Im Prinzip geht darum, wie wir uns unsere Gewohnheiten zulegen und uns dann in ihnen einrichten; an ihnen festhalten. Wie wir reagieren, wenn etwas uns zwingt, diese Gewohnheiten aufzugeben, unser bisheriges Leben umzukrempeln, neu zu starten. Wie wir aus dem Neuen so schnell wie möglich wieder Gewohnheiten machen, in denen wir uns  einrichten… Und: Was es in diesem Spiel an Spielräumen gibt. An Ausbruchsmöglichkeiten, Wagnissen, Inspirationen.

All das wird erläutert an Hand von Fachwissen (aus Philosophie, Psychologie, Soziologie, u. a.), von Bildern, Szenen und Zitaten aus Dichtung, Film und Musik und Einsichten der großen Religionen. Und während Deary all sein Material einbringt, reflektiert, prüft, verwirft, hinterfragt, bietet er der Leserin/dem Leser die Schlüsse dar, die er selbst daraus (und aus der eigenen Erfahrung) zieht.

Was mich an diesem Buch mit am meisten fasziniert, ist seine Langsamkeit. Die es auch von der Leserin, dem Leser einfordert. Es liest sich, als würde der Autor – ausgestattet mit seinem großen Wissen und seiner Lebenserfahrung – laut nachdenken. Und dabei äußert er dann wundervolle Sätze wie diesen: „Schon seit Tagen treibt mich um, was es heißt, dass einen etwas umtreibt.“

Ich freue mich schon auf die beiden Folgebände.

Last but least: Das Buch ist ausgezeichnet übersetzt von Gabriele Gockel und Bernhard Jendricke.

Vincent Deary: Wie wir sind, Pattloch Verlag, 19,99 Euro

 

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2 Gedanken zu „Strobls Buchkritik 1: Vincent Deary: Wie wir sind

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