Strobls Buchkritik 2

Als Markus Felsmann von „meiner“ Buchhandlung mir Helen Macdonalds H wie Habicht empfahl, winkte ich ab. Dabei liegt er mit seinen Empfehlungen fast immer richtig. Aber Greifvögel? Habicht abrichten? Nein, danke. Nicht wirklich meins. Dann schenkte mir eine Freundin das Buch zum Geburtstag. Um sie nicht zu kränken, begann ich zu lesen. Und das war es dann. Ich versank in einer Geschichte, die, so dachte ich noch eine ganze Weile, „eigentlich“ nichts mit mir zu tun hat. Bloß verdammt gut geschrieben ist.

Ich las, wie man Greifvögel im allgemeinen und Habichte im besonderen abrichtet, sprich: abträgt. Was ein gewisser Terence Hanbury White in den Dreißigerjahren in England dazu geschrieben hat. Was Falkner im europäischen und vorderorientalischen Mittelalter dazu zu sagen hatten. Und konnte nicht aufhören zu lesen.

Ich lernte ein kleines englisches Mädchen kennen, das Falknerin werden wollte. Eine Vatertochter, die diesen seltsamen White las und nicht verstand. Die nun, im Heute des Buches, eine Frau um die vierzig ist, die in der Trauer um ihren verstorbenen Vater versinkt. Sich einen Habicht kauft, ihn Mabel nennt und fortan mit dem Tier lebt. Es abrichtet, mit ihm auf die Jagd geht, zu ihm wird. Als sie begreift, was geschieht, startet sie die Kehrtwende. Entdeckt die Wildnis in der Zivilisation. Bewegt sich, nicht weg vom Habicht, aber zurück zu sich selbst, dem menschlichen Wesen. Zurück zu den anderen Menschen.

Das Kostbare an diesem Buch sind, neben der präzisen und luziden Sprache, seine Klugheit und Psychologie. Helen Macdonalds Erfahrungen als Falknerin, ihre Gefühle, ihr Leben mit Mabel sind voller Widersprüchen, die schließlich erkannt, benannt, reflektiert werden. Eine Frau, die sprichwörtlich keiner Fliege etwas zuleide tun kann, wird zur Komplizin eines Raubvogels, der Kaninchen und Fasane reißt. Der vom Vater und später im Internat gequälte Junge Terence Hanbury White quält als Erwachsener seinen Habicht, den er zum Freund gewinnen möchte. An den sagenumwobenen Landschaften des „alten England“ labt sich auch dunkler Nationalismus…

Es gibt in diesem Buch keine Gewissheiten aber Erkenntnisse, Schmerz, Euphorie, Trauer, Verstrickung, Trennung, eine Idee von Freiheit und Souveränität. Und man lernt, ganz nebenbei, viel über Habichte und die Falknerei.

Muss ich noch sagen, dass „H wie Habicht“ ein großartiges Buch ist?

Helen Macdonald: H wie Habicht, Ullstein Verlag, 20,00 Euro

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