Abenteuer Alt-werden 1

„Seniorin schwer verletzt. 64jährige stürzte gestern…“ Hm. Mal abgesehen davon, dass ich der Frau alles Gute wünsche – Seniorin? Ich bin auch 64, und wenn ich mich als etwas sicher gar nicht fühle, dann als „Seniorin“. Und das nicht nur, weil ich noch voll berufstätig bin. „Seniorin“ ist ohnehin ein Euphemismus. Früher sagte man „Alte“. Oder höflicher: „Alte Dame.“ Eine Dame war ich noch nie, und ich werde auch keine mehr. Dann schon lieber eine „Alte“.

Ich weiß manchmal nicht, wo ich mich einreihen soll. Ich fühle mich nicht „alt“ (whatever that be), habe aber durchaus schon Bekanntschaft geschlossen mit diversen Alters-Malaisen. Ich gehe Berge nicht mehr so fit und zügig hoch wie früher. Ich sehe nicht mehr so gut wie früher. Ich brauche mehr Ruhe, Rückzug, Stille. Es gibt Einschränkungen, mit denen ich mich abzufinden lerne.

Ich bin aber auch offener, erfahrener, gelassener geworden. Ich kann Widersprüche (besser) aushalten. Ich sehe Widersprüche und Nuancen, wo ich früher Klarheit und Eindeutigkeit gebraucht habe. Ich ahne, dass es tatsächlich so etwas wie Altersweisheit gibt. Und finde das sehr schön und erstrebenswert.

Gleichzeitig komme ich manchmal zurück zu einer Schärfe und Klarheit, die mich früher (auch) ausgemacht haben. Die ich nun aber ruhiger und weniger aufgeregt artikulieren kann.

Das Alt-werden hat Nachteile, klar. Es hat aber auch eindeutig Vorteile. Und die verschiedenen Facetten, die es ausmachen, sind oft nicht vorhersehbar. Man ist ja immer noch man selbst, wenn man alt wird. Und zu mir und einem Teil meiner Altersgenossinnen passen zum Beispiel Dauerwellen oder strenge Topffrisuren ebenso wenig wie konservative Kostümchen. Ich trage immer noch meine alten Leder- und Jeansjacken. Weil ich mich wohl darin fühle. Authentisch. Und ich finde, die grauen Haare passen durchaus dazu. Auch wenn sie dünner werden. Ich habe es noch nie gemocht, mich zu „verkleiden“, um für irgendetwas passend auszusehen. Und daran wird sich auch künftig nichts ändern.

Zum Glück bin ich nicht die einzige, die weder mit den gängigen Vorstellungen von Alt-sein noch mit dem gebotoxten und gelifteten Forever-young-Wahn etwas anfangen kann. Auch mein Liebster ist so. Meine Freundinnen sind so. Und noch jede Menge anderer aus meiner Generation, die von den Sechziger- und Siebzigerjahren geprägt wurden – und sie mitgestaltet haben. Wir haben so vieles anders gemacht, damals, und auch später. Und jetzt erfinden wir auch noch das Alter neu. Mal schauen, wie uns das gelingt. Eines weiß ich aber schon: Es ist ein Abenteuer.

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7 Gedanken zu „Abenteuer Alt-werden 1

  1. Liebe Ingrid
    Sie sprechen mir voll und ganz aus dem Herzen! Auch ich bin im September 64 und finde das absolut spannend. Ich fühle mich wie Sie noch lebendig und voller Tatendrang. Ja, wir können immer noch neue Wege gehen, andere Masstäbe setzten wie dazumal. Ich bin dabei! 😀
    Ein grosses Dankeschön Ihnen für Ihre guten Worte.
    Herzliche Grüsse aus einem feucht-heissen Dakar
    Mme Ruth

  2. Ja, neu erfinden ist super. Allerdings finden junge Leute heute, dass eine Oma genauso aussieht, wie Sie sich und Ihre Generationskohorte beschreiben. Die Generation Dauerwelle ist jetz um die 85 und stirbt gerade aus.

    D.h. die heutigen Jungen werden, wenn sie alt sind, jedenfalls alte Lederjacken und graue Haare vermeiden, um nicht wie ihre Oma zu auszusehen.
    Ich finde das eigentlich ganz putzig zu beobachten, wie jede Generation aufs Neue drauf reinfällt: nicht so wie meine Oma (respektive Mutter)! 😎💝

  3. Finde wenn man über 45 ist (ich bin 54) dann muss man sich irgendwie entscheiden ob man „fit und dynamisch“ bleiben will oder ALT werden. Der Schlüssel dazu ist der von den alt-werdenden oft verwendete Satz: „Da kann man ja nichts machen“ der einher geht mit der starken Überbewertung von körperlichen Wehwehchen und dem „dauernd zum Arzt rennen“ Plötzlich werden denen ganz normale Dinge als „ungesund „eingeredet und schon machen sie das nicht mehr. Was dabei rauskommt ist, das ihr Leben immer weiter eingeschränkt wird durch Ängste und negative „was wäre wenn“ Gedanken.. Ich kann inzwischen mit über 90 % der Frauen in meinem Alter nix mehr anfangen wiel sie alles was mir Spass macht nicht mehr mitmachen oder Angst davor haben. Ich bin inzwischen mit Leuten unterwegs die um die 30 sind und genau so fit wie die.. Und nein, ich glaube nicht dass das „glücklicher Zufall“ ist..

  4. Ja… ich bin jetzt auch 60, aber es gab mal eine Zeit, da waren schon 40-jährige Senioren für mich 🙂 Die Perspektive ändert sich eben.

  5. Gut gesprochen!… Von einigen körperlichen Gebrechen einmal abgesehen fühle ich mich ausgesprochen wohl in meiner Haut – und in keinster Weise „alt“ – ich werde demnächst Sechzig. Und Ihr Text spricht mir aus der Seele! Danke dafür!

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