Abenteuer Altwerden 5

Was ich am Altwerden auch sehr schätze, ist, dass ich von Männern nicht mehr als Sexualobjekt gesehen werde. Ich weiß, dass viele Frauen darunter leiden, dass sie „nicht mehr gesehen werden“. Womit sie oft den Blick auf sich als potentielle Sexualpartnerin meinen. An dieser Variante des Gesehen-Werdens hat mir, ehrlich gesagt, nie besonders gelegen. Auch nicht in den Zeiten meines Lebens, in denen ich solo war.

Und auch jetzt vermisse ich dieses „Gesehen-werden“ nicht. Genauer gesagt: Ich lebe ohne viel besser. Freier. Angenehmer. Und gesehen werde ich ja trotzdem. Ich lächle Leute nämlich gerne an, spontan, einfach so. Und fast alle lächeln zurück und gucken erfreut. Manche erst nach einem erstaunten Zögern, dann aber umso mehr. Worüber ich wiederum mich so freue, dass ich noch lange Zeit gut gelaunt bin, egal, wie es mir „sonst“ geht.

Natürlich lächle ich nicht ständig. Und es gibt Menschen, die lösen in mir alles Mögliche aus, bloß kein Lächeln. Hipster zum Beispiel, die vor lauter Arroganz und Möchte-gern-Coolness kaum laufen können. Aber ich kann jetzt, in meinem Alter, eben auch Männer anlächeln ohne, dass sie das falsch verstehen. Junge, mittelalte und alte. Selbst hypercoole türkische Jungs reagieren auf mich, als wäre ich ihre Oma. Sie lächeln kurz und verlegen, schauen mich freundlich an, senken dann den Blick und sind wieder höllisch cool.

Ich kann Männer sogar ansprechen, ohne dass sie denken, ich will etwas von ihnen oder biete mich an. Neulich saß ich in der Bahn neben einem kleinen Jungen, der in Richtung Fenster etwas vor sich hin sagte, als spräche er mit seinem Spiegelbild in der Scheibe. Uns gegenüber saß ein Mann, in dem ich seinen Vater vermutete. Ich fragte ihn, ob der Junge gerade eine Geheimsprache spricht (das haben meine Freundinnen und ich als Kinder gerne gemacht). Er lächelte und sagte, nein, das ist Kurdisch. Aber kein türkisches Kurdisch. Woraufhin wir uns so intensiv über die verschiedenen Varianten von Kurdisch unterhielten, dass ich beinahe vergaß, auszusteigen. Ich schaffte es gerade noch und ging gut gelaunt und vergnügt in mein Büro.

Ich erlebe so etwas als eine neue Freiheit. Die Freiheit, die das Alter Frauen bietet. Ich kann auf Menschen zugehen, sie anstrahlen, freundlich sein, ohne, dass irgendjemand denkt, ich will etwas (was auch immer). Irgendwie verstehen alle mein Verhalten richtig. Und wenn jemand nicht zurücklächelt, wird er oder sie einen Grund dafür haben. Es gibt auch Situationen, in denen ich nichts und niemanden um mich herum wahrnehme und auch niemanden anlächle. Weil ich in eine Sorge, ein Problem verstrickt bin oder im Kopf grade einen Text formuliere. Wenn dann aber mich jemand anlächelt, freue ich mich quasi doppelt.

 

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