Abenteuer alt werden 6

Trump kommt, Cohen geht. Mit so etwas wie Trump habe ich nicht gerechnet. Dass allerdings die „Götter“ meiner Jugend allmählich sterben, ist keine Überraschung. Traurig macht es mich trotzdem. Und nostalgisch. Um nicht zu sagen: sentimental. Das Wochenende habe ich damit verbracht, „Marianne“, „Suzanne“ und „Like a Bird on the Wire“ vor mich hin zu singen.

Ich hatte in meiner Jugend auch noch andere Götter (und ein paar Göttinnen): Literarische, musikalische, Künstler/innen… Aber nur wenig konnten mich so inspirieren, trösten, anturnen wie die Stones, Eric Burdon, Jimi Hendrix, Traffic, Pink Floyd, die Doors, Bob Dylan und eben Leonard Cohen. Er war zuständig für die wehe Sehnsucht, das Einsamkeitsgefühl. Ich konnte nur selten (wie bei den Stones) den ganzen Song mitsingen, weil mir irgendwann die Tränen die Stimme raubten. (Oder meine beste Freundin mich bat, aufzuhören, weil ich so falsch sang.)

Rockmusik gehörte damals existenziell zu meinem Leben und dem meiner Freundinnen und Freunde. Wir hörten unsere Platten, rauchten dazu Joints oder waren auf Trip. Ein Teil unserer musikalischen Götter und Göttinnen starb am Heroin, noch während wir auf ihre nächste Platte warteten. Andere lebten noch vergleichsweise lange, und einige, Eric Burdon zum Beispiel, Bob Dylan, und mein Obergott Keith Richards leben immer noch… Und als nun Leonard Cohen starb, der Troubadour meiner Traurigkeit, habe ich was getan? Cohen gehört. Klar. Rauf und runter.

Ich bin rockmusikalisch bei Velvet Underground stehen geblieben. Seither habe ich nur noch Nirwana und Amy Winehouse wirklich geschätzt. Und auch gerne mal gehört. Ansonsten bin ich „erwachsen“ geworden. Wenn ich mich traurig fühle, den Blues habe oder auch nur abhängen will, höre ich eher Billie Holiday, Jazz, alte Musik. Kaum jemand kann so schön klagen wie Purcell und Monteverdi. Und dennoch: Tief in mir gibt es eine Sehnsucht, einen Schmerz, und die brauchen bestimmte Stones-Songs, Doors-Songs, Cohen-Songs.

Ich weiß, damit stehe ich nicht allein. Die Flucht in die Tröstungen der Jugend ist ein Aspekt des Altwerdens. Und gerne verbunden mit der sturen Überzeugung, früher sei alles besser gewesen. Die Rockmusik zum Beispiel. Also, die Rockmusik auf jeden Fall!… Wenn ich mich dabei ertappe, schäme ich mich vor mir selber. Ehrlich. Aber eine kleine heisere Stimme in mir flüstert: „So ist es doch!“

Für ein Hörfunk-Feature habe ich einmal eine junge Frau interviewt. Sie hatte die Augen schwarz umrandet, war sehr dünn und sehr intelligent. Ich fragte sie, welche Musik sie hört. Sie zögerte einen Moment, scannte mich und „gestand“ dann: Black Metal. Bis dahin war Metal für mich ein Synonym für Krach gewesen. Nun war ich neugierig geworden. Hörte und stellte fest. Es ist nicht meins, aber es spricht mich an. Ich glaube, wenn ich heute sechzehn wäre, würde ich Black Metal hören.

Ansonsten fürchte ich mich jetzt schon vor dem Tag, an dem Keith Richards stirbt.

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