Ein Dankeschön an die Bücherei

Liebe Buchhändler/innen, bitte mal weghören beziehungsweise schauen! Ich liebe Buchhandlungen, die kleinen, engagierten, mit dem guten Programm und der guten Beratung. Aber ich wäre vermutlich nicht ganz die, die ich bin, wenn es keine öffentlichen Bibliotheken gäbe.

Wir waren arm, als ich ein Kind war, richtig arm. Unsere Wohnung war das, was man Substandard nennt, wir hatten kein Badezimmer, kein warmes Wasser und schon gar nicht so etwas wie eine Waschmaschine. Aber wir hatten Bücher. Meine beiden Eltern waren Leseratten, und sie haben diese Leidenschaft an mich weiter gegeben.

Einige der Bücher besaßen wir selbst: Werke von Charles Dickens, Raymond Chandler, Joseph Conrad, Jack London, Daniel Defoe, Karl May, Friedrich Schiller… Dazu kamen die Bände aus der „Büchergilde“, dem Buchclub der Gewerkschaft. Mein Onkel war als Gewerkschafter auch in der Büchergilde engagiert und brachte uns viermal im Jahr die Bände, die wir uns zuvor im Katalog ausgesucht hatten: Ein Kinderbuch für mich, und ein Erwachsenenbuch für die Eltern.

Dieser feine aber kleine Bestand an Literatur reichte aber natürlich nicht für unseren Lesehunger. Also gingen wir in die Stadtbücherei, die Rettungsinsel für alle, die gerne lasen aber kein Geld für den Erwerb von Büchern hatten. Einmal pro Woche fuhren meine Mutter und ich in die Stadt (gemeint war damit die Innsbrucker Innenstadt), stiegen an der Haltstelle Maria-Theresien-Straße aus, gingen ein paar Meter weiter zum Taxis-Palais, dort bis ganz hinten durch und betraten das Paradies. Ich weiß nicht mehr, ob wir zwei oder drei Bände pro Nase mitnehmen durften, ich weiß nur, dass ich schon vor dem nächsten Besuch wieder auf dem Trockenen saß.

Später fuhr ich alleine hin. Irgendwann sprach mich die Bibliothekarin an, als „Stammkundin“ sozusagen. Sie wollte wissen, wie ich dieses und jenes Buch gefunden hatte. Ich erzählte es ihr, erst schüchtern und ein wenig ängstlich, dann immer freier und selbstbewusster. Sie hörte mir zu und nahm ernst, was ich sagte. Ihr verdanke ich vermutlich, dass ich ich nicht nur Autorin sondern auch Rezensentin wurde.

Heute gehe ich nicht mehr so häufig in die Bücherei, aber wenn ich dort bin, empfinde ich immer wieder Dankbarkeit dafür, dass es so etwas gibt. Was heute gar nicht mehr so selbstverständlich ist. Und dabei so dringend nötig. Ich wünsche mir, dass es überall, in jeder Stadt, auch in der kleinsten und entlegensten, eine Bücherei gibt. Dass Kinder ermutigt werden, hinzugehen. Dass Lehrerinnen und Lehrer schon in der Grundschule mit den Kindern Ausflüge in die örtliche Bibliothek machen, ihnen zeigen, was es da gibt, und wie man sich anmeldet und wie man dort schöne und spannende Bücher findet.

Und ich wünsche mir, dass auch Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen und Fördererschulen das mit ihren Schülerinnen und Schülern machen, ihnen vermitteln, wie gut es tut, zu lesen, dass es überhaupt nicht schwierig ist, an Bücher zu kommen, und dass man dafür keine reichen Eltern braucht.

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