Kann das weg?

Umziehen ist grausam. Zumal, wenn man 24 Jahre in derselben Wohnung gelebt hat. Was auch heißt: Es hat sich mehr angehäuft als man je geahnt hätte. Früher war ich eine Sammlerin. Inzwischen bin ich zur Wegwerferin mutiert. Ich dachte, das käme mir beim Packen zugute: Wie schön, mal auszumisten! Aber…

Da sind neben all dem, das man gerne entsorgt, all die kleinen und manchmal auch größeren Sachen, die einem liebe Menschen geschenkt haben. Geliebte Menschen. Da ist die Stola, die mir meine Mutter gehäkelt hat. Die kleine japanische Vase, die sie mir im Asienladen in Innsbruck gekauft hat, der hatte gerade eröffnet, und sie wusste oder dachte, als Hippie stehe ich auf so „exotisches Zeug“. Mir kommen die Tränen, wenn ich mich an die Situation erinnere. An ihr Gesicht, die Freude darin über die gelungene Überraschung.

Da sind Bilder, die mein Vater gemalt hat, bevor er zu einem richtigen Künstler wurde. Diese Bilder sind schön, aber ich habe sie mir nie an die Wände gehängt. Im Gegensatz zu seinen wunderbaren späteren Werken.

Da ist ein kleines Porzellanherz, das mir mein Liebster geschenkt hast, als wir ganz frisch verliebt waren. Da ist ein Katzenbild, das meine – letztes Jahr verstorbene – älteste Freundin mir mitgebracht hat, als sie mich zuletzt in Köln besuchte.

Da ist eine Halskette, die Meir, Chaika Grossmans Mann mir nach ihrem Tod schenkte, die ich nie getragen habe, aber Chaika ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben gewesen. Ist es immer noch.

Diese Dinge sind nur ein paar wenige Beispiel für sehr viele andere Dinge, die auch eine Geschichte von Liebe und Freundschaft haben, die von Menschen stammen und mich an Menschen erinnern, die in meinem Leben eine wichtige Rollen spielen und gespielt haben. Die in meinem Herzen leben und weiterleben.

Kann man so etwas wegwerfen?

Kann ich so etwas wegwerfen?

Mit ein paar Sachen habe ich es gemacht. Habe sie geküsst und dann mit geschlossenen Augen in die Mülltüte geworfen. Es hat weh getan. War aber auch erleichternd. Mit anderen gelingt mir das nicht. Da will ich auch nicht, dass es mir je gelingen könnte.

Ist das sentimental? Mache ich Liebe an Dingen fest? Das klingt vernünftig, einsichtig, erhaben. Aber ich empfinde es anders: Indem ich diese Dinge „entsorge“, verletze ich die Menschen, die sie für mich ausgesucht, angefertigt, mir geschenkt haben, um mir eine Freude zu machen, mit etwas Gutes zu tun. Weise ich diese Menschen  zurück, erkläre ihre Geschenke für wertlos. Denn nur Wertloses wirft man auf den Müll.

Und dann stehe ich vor der Kommode und den Bücherregalen, auf denen ich viele dieser Dinge platziert habe und würde am liebsten alles, oder fast alles wegräumen, einpacken, weg… wegwerfen? Sie nehmen mir die Luft, stellen alles zu.

Also, was jetzt? Ich weiß es nicht.

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2 Gedanken zu „Kann das weg?

  1. Liebe Ingrid,

    ich kann dein Dilemma gut nachfuehlen. In den letzten jahren habe ich immer mal wieder ausgemistet und war hinterher total erleichtert. Von manchen Dingen habe ich mich nur schwer getrennt.Vom Mann meiner verstorbenen „aeltesten und liebesten“ Freundin bekam ich einen Schal, den sie sehr mochte und der aus Seide und Wolle gefertigt war. Und da lag er dann – in meinem Schrank. Getragen habe ich ihn nie, weil die Farbe mir so gar nicht steht. Aber die Erinnerung, die daran hing, hat mich an ihm festhalten lassen. Eines Tages fiel mir auf, dass der Schal einer guten Bekannten von mir gut stehen wuerde und habe ihn ihr geschenkt. Sie hat sich sehr gefreut und traegt ihn oft – was wiederum mich freut. Letzten Endes sind es fuer mich dann doch nicht die Dinge, sondern die Erinnerung an diese Menschen, die wichtig sind. Wenn ich mit dem Weggeben dieser Dinge anderen Freude bereiten kann – wunderbar. Aber wegschmeissen erlaube ich mir inzwischen. Ich werfe ja nicht die Erinnerung weg – sondern den Platzhalter.

    Liebe Gruesse Tina

    • Liebe Stina, habe ich dir auf diese liebe Nachricht geantwortet? Ich war wirklich unzurechnungsfähig in diesen letzten Wochen, mehr: Monaten. Konnte meine Arbeit gut machen, aber für irgend was anderes war keines Kraft mehr da. Jetzt geht es mir langsam besser, und ich versuche bei meinem nächsten Ergo-Termin in der Stadt, bei dir vorbeizuscheuen. Wenn du da bist und Zeit hast, habe ich Glück. Wenn nicht, sehen wir uns bitte trotzdem bald.
      Herzlich, Ingrid

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