Lieber Doğan,

ich lese gerade dein Buch. Dein neues Buch, „Verhaftung in Granada“. Ich trage keine Hüte, würde ich das aber, dann zöge ich jeden Abend (wenn ich endlich weiter lesen kann) den Hut vor dir und deiner Kunst als Schriftsteller. Davor, wie du eine vielfältige Geschichte erzählst und dabei immer einen neuen Ton triffst, einen, der genau zu dem Erzählten passt, der es lebendig, anschaulich, spannend, berührend macht.

Ich lerne so viel bei dieser Lektüre. Über die Türkei in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Über das, was dich als Linken damals angetrieben hat. Über Gefängnisse in der Türkei. Über die Folter, die dort praktiziert wurde. Ich staune über die schmerzhafte Sachlichkeit, mit der du berichtest, wie du selbst gefoltert wurdest. Ich bewundere deinen Mut, überhaupt darüber zu schreiben. Auch über die immer wiederkehrende und unbewusst vermutlich nie aufgelöste Angst, sie könnten dich wieder in ihre Fänge bekommen wollen. Und bekommen.

Ich bin berührt von der Anschaulichkeit und der Sehnsucht, mit der du das Leben in dem Dorf schilderst, in dem du aufgewachsen bist. Von der Wärme, mit der du über deine Familie schreibst, deinen großen Bruder, über Ayşe und eure beiden Kinder. Ich lese mit Hochachtung, wie du über die Schuld schreibst, die du als Vater deinen Kindern gegenüber empfindest. Die erste Schuld, als du sie wegen deiner politischen Aktivitäten alleine lassen musstest. Die Traumatas, die du bei ihnen ausgelöst hast durch dein Abtauchen, deine Inhaftierungen. Und die zweite Schuld, als du 2010 in die Türkei gefahren bist, obwohl sie dich beschworen, das nicht zu tun, obwohl du die Angst in ihren Augen gesehen hast, die Angst, man könnte dich erneut verhaften – was dann ja auch geschah.

Ich bewundere dich dafür, dass du den Grund für diese Reise – deinen alten Vater noch einmal zu sehen, nicht  gegen diese Schuld aufrechnest, obwohl du das tun könntest. Denn das ist ein Grund, den ich vollkommen nachvollziehen kann. Und wenn ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie grausam eine Situation ist, in der man sich entscheiden muss zwischen der Angst und möglichen Retraumatisierung der Kinder und dem Abschied-nehmen vom Vater.

Ich erfreue mich an dem leisen Humor, der in diesem Buch immer wieder anklingt, und an der Art, in der du über Mitgefangene schreibst. Ich schätze die Differenziertheit und Freiheit von Hass und Häme, mit der du Gefängniswärter und selbst den einen oder anderen Untersuchungsrichter darstellst. Ich registriere voller Anerkennung, wie es dir gelingt, die unbeschreibliche Folter, die kurdischen politischen Gefangenen angetan wurde, so zu beschreiben, dass man weiter liest, obwohl man die Augen zudrücken und ganz schnell weiter blättern möchte. Und wie klar du gleichzeitig die zunehmende Menschenverachtung dogmatischer linker Organisationen –  türkischer wie kurdischer – benennst

Lieber Dogan, es gibt noch vieles, das ich an deinem neuen Buch großartig finde. Aber allzu lange Rezensionen liest man nicht so gerne, deshalb höre ich jetzt auf. Denn ich möchte, dass ganz viele diese Besprechung lesen und sich dann sofort dein Buch kaufen.

Herzlich, Ingrid

Doğan Akhanlı: Verhaftung in Granada. oder Treibt die Türkei in die Diktatur?, Kiwi, 9,90 Euro

 

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2 Gedanken zu „Lieber Doğan,

  1. Eine wunderbare Rezension eines ergreifenden Buches – ich kann jeden Satz unterstreichen !!! Ich habe das Buch auch gerade gelesen und hätte mir gewünscht, diese Worte der Begeisterung und Bewunderung zu finden. Meine Hochachtung gilt auch Ihnen, liebe Ingrid Strobl – aber in erster Linie natürlich Dogan Akhanli für dieses großartige Buch .

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