Sie machen mir Angst, meine Herren.

Am Wochenende  ein Artikel im Berliner Tagesspiegel zum Thema „antisemitische Karikatur in der Süddeutschen Zeitung“. Wohlgemerkt: Karikatur. Einzahl. Als hätte es nicht schon vergleichbare Bilder vom selben Karikaturisten gegeben. Eines der Allerübelsten: „Die Krake Facebook“. Die aussieht, wie direkt aus dem Stürmer kopiert.

Da gibt es also eine Tageszeitung, die Freunde und Freundinnen von mir abonniert haben, weil sie sie als informatives und seriösen Blatt schätzen. Was sie ja in weiten Teilen auch ist. Aber da sind dann eben auch diese Karikaturen. Mehrzahl. Nicht nur eine. Wobei eine schon reichen würde. Diese Karikaturen sind antisemitisch. Da gibt es nichts zu diskutieren. Man kann sich die Vorbilder anschauen. Es gibt eine Ikonografie des Antisemitismus. Lange, gebogene dicke Nase, große abstehende Ohren, gieriger Blick. Etc. Diese Ikonographie haben die Nazis nicht erfunden, es gab sie bereits. Die Nationalsozialisten haben sie fortgesetzt, erweitert und, soweit das möglich war, noch abscheulicher gemacht.

Ich weiß nicht, warum die SZ so lange derartige Karikaturen auf ihren Seiten geduldet hat. Wo die zuständigen Redakteure/Redakteurinnen da die Augen hatten. Warum sich offenbar nicht ausreichend viele Leserinnen und Leser beschwert haben, um ihnen die Augen zu öffnen. Aber was man nicht sehen will – weil man es vielleicht selbst so wunderbar komisch findet? -, das wird halt weiter hingenommen. Oder, mehr noch, goutiert.

In dem Artikel im Berliner Tagesspiegel zu diesem Thema – antisemitische Karikatur (Einzahl) in der SZ – wird die Frage aufgeworfen: „ist Hanitzsch in seiner Arbeit zu weit gegangen?“ Das steht da allen Ernstes. Und nachdem die üblichen Verdächtigen zitiert werden, vom Antisemitismusforscher bis Charlotte Knobloch, kommt der Satz: „Es gibt aber auch andere Stimmen“. Ja, ganz bestimmt, dachte ich, als ich dass las. Aber die muss ich nicht im Berliner Tagesspiegel nachhören. Oder? Muss ich doch. Und zwar nicht Stimmen ausgemachter Nazis. Nein, da wird Wolfgang Benz zitiert, seines Zeichens Antisemitismusforscher, der allen ernstes erklärt, die Kritik an der Karikatur sei überzogen. Die Zeichnung sei unfreundlich für Israels Ministerpräsidenten, aber nicht judenfeindlich. O-Ton: „Ich glaube, da muss man doch sehr stark differenzieren.“

Herr Professor Benz, was verstehen Sie inzwischen unter Antisemitismusforschung? Oder haben Sie als Leiter des Instituts für Antisemitismusforschung noch nie eine antisemitische Karikatur gesehen? Oder welcher Teufel reitet sie? Derselbe wie den Karikaturisten des Berliner Tagesspiegel, der von der Medien-Redaktion der Zeitung gleichfalls nach seiner Meinung gefragt wurde? Und dessen Antwort lautet: „Kollege Hanitzsch hat kein antisemitisches Stereotyp benutzt, er würde das niemals tun, ich kenne ihn.“

Sie machen mir Angst, meine Herren.  Ich weiß nun sehr konkret, was gemeint ist mit der Feststellung: Der Antisemitismus ist (wieder) in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

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