Höhlen-Jungs und andere Kinder

Freundinnen und Freunde von mir auf facebook schreiben, wie suspekt und zuwider ihnen das Theater um, die Anteilnahme für die Jungen ist, die in Thailand aus der Höhle gerettet wurden. Denn: In Thailand gibt es unzählige Kinder, die zur Prostitution gezwungen werden, und nicht nur in Thailand, sondern auch in vielen anderen Ländern. In Afrika verhungern Kinder, in Libyen werden Kinder verkauft – zu allen möglichen grauenhaften Zwecken, und, und, und – und niemand ist deswegen schrecklich aufgeregt, zittert mit, hofft, dass diese Kinder gerettet werden.

Das ist alles richtig. Trotzdem ist es wunderbar, dass diese Jungen gerettet werden könnten. Dass sich, warum auch immer, die ausländischen Spezialtaucher und andere Experten so schnell für sie engagiert und zum Teil ihr Leben für sie riskiert haben. Das ist nicht nichts. Und auch nicht abzuwerten, indem man – unser (fast) aller – Nichthandeln in Bezug auf all die anderen Kinder geißelt, die Schreckliches erleiden und an Hunger und Krankheiten sterben.

Es gibt auf dieser Welt Unrecht, Grauen, Grausamkeiten ohne Ende. Immer und überall. Auch hier, in Deutschland werden Kinder sexuell missbraucht, gefoltert und an Kunden verkauft. Und die allermeisten von uns sind wütend aber auch hilflos, wenn sie davon erfahren und nicht fähig, in der Lage, bereit, sich dagegen zu engagieren. Ich nehme mich hier nicht aus. Ich tue auch nicht wirklich aktiv etwas für die Kinder, die in Somalia, dem Sudan, Jemen an Hunger und Krankheiten sterben. Wer von uns fragt noch nach den von Boko Haram entführten Mädchen?

Es gibt Frauen und Männer, die sich für Menschen in extremen Notlagen engagieren, ganz praktisch vor Ort, und indem sie immer wieder auf das Elend, gegen das sie anarbeiten, aufmerksam machen. Aber wir, die wir grade hier in Deutschland sitzen und auf facebook den Hype um die Höhlen-Jungs kritisieren, wir arbeiten, von Ausnahmen abgesehen, nicht in einer Klinik im Süd-Sudan, wir kümmern uns nicht um die Kinder in thailändischen Bordellen, und wir riskieren nicht unser Leben, um herauszufinden, wie man die Leute unschädlich machen könnte, die hier in Deutschland kleine Kinder als Sexobjekte an Kunden verkaufen, Filme über den Sex mit den Kleinen drehen und ins Netz stellen.

Ich verneige mich vor allen, die sich in diesen und anderen schwierigen, und teils lebensgefährlichen Bereich engagieren und hoffe, dass noch viele andere dazu kommen. Ich wünsche mir, dass wir effektive Wege finden, um aufzustehen gegen all die Ungerechtigkeiten und Gräuel auf dieser Welt und gegen die, die sie verursachen und davon profitieren. Und ich freue mich von Herzen, dass diese paar thailändischen Jugns gerettet werden konnten.

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4 Gedanken zu „Höhlen-Jungs und andere Kinder

  1. Liebe Ingrid,
    Ich stimme Dir von herzen zu! Wie Du weißt, arbeite ich seit vielen Jahre in Köln im Kinderschutz, was nicht immer leicht aber eine vergleichsweise komfortabele Aufgabe ist. In gewisser Weise Luxus also. Allerdings ist Leiden immer individuell! Und Leiden empfinden nicht nur die Kinder, manchmal auch die Täter*innen. Auch das gehört m. E zur Wahrheit.
    Aber abgesehen davon, halte ich jeden und jede für ignorant, die neben dem Leiden und der Angst der thailändischen Kinder und sicher auch deren offenbar tapferen und starken Trainer, die Angst und das Leiden der Eltern und Angehörigen ausblenden.
    Das ganz offenbar gute, mutige und entschlossene Handeln der Retter, ist eine gute Tat und eine gute Nachricht, die das Liebevolle in der Welt mehrt und nährt. Und jeder noch so kleine Akt der Liebe stärkt die Kraft derer, die, wenn auch in kleinen Trippelschritten, ernsthaft versuchen das Leiden von Mitwesen zu verringern.
    Danke für Deinen Beitrag!
    Dieter

  2. Es waren auch Taucherinnen und Expertinnen bei der Rettungsaktion dabei. In der Berichterstattung (und auch in deinem Blogbeitrag) wird immer nur die männliche Form angewandt. Warum eigentlich? Und welches Bild entsteht dadurch?

    • Ich habe nicht noch extra recherchiert, sondern mich auf das bezogen, was ich in den Medien gesehen und gelesen habe. Es war eine spontane Reaktion auf die vielen Postings, in denen der „Hype“ um die Jungen kritisiert wurde. Toll, dass auch Frauen dabei waren. Und woher weißt du das? Würde ich gerne auch was drüber lesen.

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