Madonnas letzter Traum

Meine erste Reaktion, als ich begann  „Madonnas letzter Traum“ zu lesen, war Verwirrung. Ich blickte nicht durch. Waren wir gerade in Berlin, in der Türkei, in Köln…? Und in welcher Zeit? Und wer sprach gerade? Dogan Akhanli? Oder Sabahattin Ali, der türkische Autor, der, Jahrzehnte vor Dogan Akhanli gleichfalls nach Deutschland gegangen war, wenn auch nicht auf der Flucht und nicht für so lange Zeit. Der sich in Berlin in eine Frau verliebt hatte. Und Anfang der Vierzigerjahre das Buch „Madonna im Pelzmantel“ geschrieben hatte… Worauf sich der Titel von Dogan Akhanlis Buch ja wohl bezog…Da waren so viele Parallelen. Und Wechsel. Zwischen Zeiten und Orten. Und Protagonisten…

 Aber etwas an dieser Lektüre bewegte mich, dennoch geduldig weiter zu lesen. Nicht nur, weil ich Dogan Akanli schon so viele Jahre kenne und schätze, als Mensch, Freund, Autor. Sondern auch, weil da etwas war in dem vermeintlichen Kuddelmuddel, das mich immer mehr gefangen nahm.

Es geht in diesem Buch um Auschwitz. Und um Flüchtende. Und um Dogan Akhanli selbst, einen türkischen Flüchtling in Deutschland. Der sich manchmal nachhause sehnt, in das Nachhause seiner Kindheit, nach der Mutter, den Geschwistern und den roten Äpfeln, die er als Junge vom Baum eines Nachbarn geklaut hat.

Als in Deutschland lebender Linker wusste Dogan Akhanli von Auschwitz. Oder meinte, davon zu wissen. Bis er sich schließlich auf den Weg machte nach Polen. Auf der Suche nach Maria Puder, der „Madonna im Pelzmantel“, die, wie er vermutete, nicht nur eine Romanfigur ist. Sondern eine Frau, die tatsächlich gelebt hat. Als Jüdin. Im Berlin der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Und von daher höchstwahrscheinlich ermordet worden war in einem der Vernichtungslager. So geriet Dogan Akhanli nach Polen. Und dort schließlich nach  Ausschwitz.

Als ich selbst zum ersten Mal dort war, dachte ich, ich wüsste eigentlich das meiste über diesen Ort des Massenmords. Als ich dann aber da war, an diesem Ort, wo eigentlich gar nicht viel zu sehen ist, wurde ich durchdrungen von Schmerz, Wut und Hoffnungslosigkeit. Und einer  tiefen verzweifelter Trauer. Dogan Akhanli, erfuhr ich nun beider Lektüre, war es nicht anders ergangen. Auch er hatte sich „inhaltlich vorbereitet“ und war auf diese heftige Reaktion dennoch nicht vorbereitet gewesen. Fortan setzte er sich mit dem „Thema“ in einer sehr viel direkteren, persönlicheren Weise auseinander.

Auch und gerade in diesem neuen Buch, in „Madonnas letzter Traum. Und es gelingt ihm  darin, die scheinbar weit auseinanderliegenden Themen „türkischer politischer Flüchtling in Deutschland“ und „die Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland“ mit einander zu verflechten in einer Ehrlichkeit und Emotionalität, die mir in dieser Form noch nicht begegnet ist.

Die zentralen Passagen darin sind seine Reise durch Polen und sein Besuch in Auschwitz. Hier, berichtet er, wurde ihm bewusst, in welcher Schizophrenie er lebt: Er, der so froh war, nach Deutschland kommen zu können, der dadurch noch mehr Gefängnisaufenthalten entging, noch mehr Folter, noch mehr Angst um die Kinder und um seine Frau, die wie er als poltische Aktivistin verfolgt worden war – er lebte nun in dem Land, dessen Machthaber fast die gesamte jüdische Bevölkerung Europas ausgerottet hatten. Dessen Bewohner in weiten Teilen damit einverstanden waren oder wegsahen und /oder daran mitwirkten. Er, dessen deutsche Freundinnen und Freunde mit ihrem Land deswegen hadern, war diesem – dem heutigen – Deutschland erst mal nur dankbar. Und ist immer noch froh, hier leben zu können.

In diesem so persönlichen Buch ist keine Koketterie, keine Selbstbespiegelung, und wenn es mich auf den ersten Seiten verwirrt hat, so bin ich nun dankbar, dass Dogan Akhanli die Verwirrung, in die ihn sein Leben in Deutschland manchmal stürzt, weder verschweigt noch aufzulösen versucht.

Dogan Akhanli: Madonnas letzter Traum, Sujet Verlag, 24,80 Euro

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