Die etwas andere Herkunft…

Ein Buch wie dieses habe ich noch nie gelesen. Und ich wusste auch nicht, wie gut es mir tun würde, so ein Buch zu lesen. Dann schickte mir die Redakteurin, für die ich ein Hörfunk-Feature zum Thema „Aufsteiger“ machte, ein Kapitel aus dem Buch. Ich las es, war beeindruckt und glücklich zugleich und bestellte mir sofort ein Exemplar von „Solidarisch gegen Klassismus“, herausgegeben von Francis Seeck und Brigitte Theißl im Unrast Verlag.

Dass es den Begriff „Klassismus“ gibt und was er bedeutet, das wusste ich schon dank der Publikationen von Andreas Kemper, der das Thema als einer der ersten aufgegriffen hat. Was Klassismus real bedeutet, habe ich am eigenen Leib erfahren. Als erstes und einziges „Arbeiterkind“ am Gymnasium. Und als vermutlich einziges an der Universität. Wobei mir nicht einmal diese Ehre gewährt wurde.

Ich hatte nämlich – leichtsinnig – einem meiner Genossen in der linken Gruppe, in der ich während des Studiums aktiv war, von meinen Eltern erzählt. Und meinen Großmüttern. Die waren beide Putzfrauen. Und geschieden. Und bettelarm. Meine Großmutter mütterlicherseits nahm aber noch zusätzliche Putzstellen an, damit meine Mutter eine Lehre machen durfte. Als erste und einzige in der gesamten Familie.

Mein Vater fuhr (mit dem Rad) für eine Bäckerei die frischen Semmeln für die Kunden im „Nobelviertel“ aus. Bis er eingezogen wurde. Nach dem Krieg und damit dem Ende des NS-Regimes bekam er eine Stelle in den Stadtwerken. Weil da Leute wussten, dass er ein Gegner der Nazis gewesen war. Fortan war er städtischer Angestellter und später sogar Beamter, ein enormer Aufstieg. – Der bloß viele Jahre lang mit einem extrem geringen Gehalt verbunden war. Anders gesagt: wir lebten in einer Substandardwohnung waren lange Zeit sehr arm.

All das erzählte ich – stolz – meinem Genossen. Der mir daraufhin erklärte, dass ich also gar nicht aus dem Proletariat stammte, sondern aus dem Kleinbürgertum. Als ich ihn fassungslos anstarrte, meinte er, nun ja, ursprünglich halt aus dem Lumpenproletariat.

Ich kann das inzwischen amüsiert erzählen. Geschämt habe ich mich ohnehin nie, dafür war ich zu stolz auf meine Eltern. Und liebte sie zu sehr. Und ich hatte großes Glück: Ich begegnete von klein auf Menschen, die mich inspirierten und förderten. In den Fächern, die ich auf dem Gymnasium liebte, hatte ich Lehrerinnen, die das zu schätzen wussten und mich unterstützten. Und ich wuchs in genau der richtigen Zeit auf, sprich: mit den Rolling Stones, den Doors, Bob Dylan, Janis Joplin, Joan Baez, mit den Büchern der Beat-Generation, mit einer Kunst-Avantgarde, die ihre Vernissagen in einer Galerie veranstaltete, die direkt neben meinem Stammcafé lag. Und mit Marcuse und Adorno und Walter Benjamin.

An all dem konnte ich teilhaben, mich als Avantgarde fühlen, als Revolutionärin… Aber meine beste Freundin kam aus demselben Viertel wie ich. Und wenn meine Genossinnen und Genossen nach unseren Treffen noch zum Italiener gingen, ging ich nachhause. Weil ich mir das nicht hätte leisten können. Und meine coolen Klamotten habe ich mir allesamt geklaut. All das kann ich nun, in meinem Alter, gelassen erzählen. Ich treffe aber, wenn es um Herkunft und Armut geht, kaum je auf Menschen, die sagen: „Oh, ja, kenn ich!“ Meine alten Freundinnen und Freunde leben weit entfernt oder sind tot. Und meine Freundinnen und Freunde hier in Deutschland kommen fast alle aus der Mittelschicht.

Und nun dieses Buch. In dem kluge Menschen erzählen, was es heißt, von Klassismus betroffen zu sein. Was es heißt, aus armen Verhältnissen zu kommen und sich in der Welt der bürgerlichen Ober- und Mittelschicht zu bewegen – mit dem Gefühl, sich ständig bewähren zu müssen: In der Schule, an der Uni, im Beruf und auch in politischen Zusammenhängen, linken, feministischen, anti-rassistischen, akademischen. Die klug, differenziert und kompetent über all das berichten, es analysieren – und das immer gut lesbar.

Anders gesagt: Dieses Buch ist eine Bereicherung für Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, wovon hier die Rede ist. Und für alle, die zu diesem Thema – fundiert und aus erster Hand – etwas erfahren wollen.

Ingrid Strobl

Solidarisch gegen Klassismus, herausgegeben von Francis Seeck und Brigitte Theißl, Unrast Verlag,16,00 Euro

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