Kopftuch und Slip

Als ich für mein Buch über die Prostituierten auf dem Kölner Drogenstrich recherchierte, sprach ich jeden Abend mit Frauen, die dünne schwarze Strumpfhosen trugen und darüber extra kurze Shorts. Für die Frauen war das ihre Arbeitskleidung. Im Privatleben trugen sie normale Röcke oder Jeans.

Wenn ich heute die Straße entlang gehe, könnte ich meinen, der Strich habe sich verlagert. Hat er aber nicht. Die vermeintlichen Prostituierten sind Mädchen und junge Frauen, die in Shorts herumlaufen, die aussehen wie Slips und über, je nach Jahreszeit, nackten Beinen oder mehr oder weniger dünnen schwarzen Strumpfhosen getragen werden. Der „Rest“ dieser Mädchen und Frauen aber, vom Gesichtsausdruck bis zu den Turnschuhen, erweckt eher den Eindruck, sie hätten vergessen, sich morgens die Hose oder den Rock anzuziehen. Doch auch dieser Eindruck ist meistens falsch. Richtig ist offenbar: diese Mädchen und Frauen finden ihr Styling cool. Oder sie denken zumindest, sie müssten es cool finden. Sie müssten sich sexy stylen.

Und ich frage mich, warum sie das denken. Warum sie meinen, sie müssten sich, ohne Not, der Umwelt und damit eben auch der Männerwelt präsentieren wie Frauen, die in dieser Aufmachung ihr Geld verdienen müssen. Dieselben jungen Frauen und ihre Mütter sind aber durchaus imstande, sich endlos darüber aufzuregen, dass muslimische Frauen ein Kopftuch tragen.

Und auch Frauen, die keine Slips auf der Straße tragen, und die im Traum nicht daran denken, das zu tun, Feministinnen zum Beispiel, aber nicht nur Feministinnen, regen sich gerne über das Kopftuch auf. Es ist ein Signal der Unterwerfung, sagen sie. Es bedeutet: Frauen haben sich zu verhüllen, damit Männer nicht in Versuchung geraten. Was nach der ursprünglichen religiösen Sichtweise und der Auffassung vieler Muslime wohl auch zutrifft. (Meine Freundin Semiha allerdings trägt das Kopftuch aus was weiß ich für Gründen, aber ganz sicher nicht, um Männern ihre Unterwerfung zu signalisieren. Und da ist sie nicht die einzige. Aber das jetzt mal beiseite.)

Was mich so erstaunt, ist, dass viele Frauen und auch Medien, die sich über das Kopftuch als Instrument der Unterdrückung von Frauen echauffieren, sich kaum darüber aufregen, dass junge Frauen sich präsentieren wie Prostituierte bei der Arbeit. Und damit gleichfalls und noch sehr viel deutlicher und eindeutiger ihre Unterwerfung signalisieren: Ich stehe zur Verfügung! Und zwar auch dann, wenn sie das gar nicht meinen und entsetzt wären, würde ein Mann es so interpretieren.

Das sexy Styling und oft auch das Kopftuch laufen aktuell bei jungen Frauen unter dem Aspekt Mode. Junge selbstbewusste muslimische Frauen tragen Kopftücher in todschicken Varianten, und selbstbewusste nichtmuslimische Studentinnen stylen sich wie für den Straßenstrich, weil das eine wie das andere gerade angesagt ist. Was jedoch nichts an der Tatsache ändert, dass beides, das Verhüllen des Haars einer Frau (egal, in welcher Religion), wie auch die Enthüllung bestimmter Körperpartien Signale der Unterwerfung sind. Die nicht wenige Männer auch ganz direkt als solche interpretieren.

Und ich frage mich, warum junge Frauen heute meinen, sie müssten sich als Sexobjekte präsentieren. Warum das als normal gilt. Warum offenbar viele, nicht nur junge, Frauen nicht begreifen, dass das für das Selbstbild von Frauen und für das Bild, das Männer sich von Frauen machen, mindestens so fatal, wenn nicht noch fataler ist, als das Tragen eines Kopftuchs. Und ich würde mir wünschen, dass Frauen und Mädchen, die für sich selbst das eine wie das andere ablehnen, ihre Stimme zu beiden Themen erheben.

Von der Leyen, böse Frau!

Langsam aber sehr sicher werde ich grantig. Ich habe mit der CDU nichts am Hut und auch nicht mit Frau von der Leyen. Und ich nehme an, sie hat sich als Verteidigungsministerin  bisher  genauso wenig um Wehrmachts-Fans und Rechtsradikale in der Bundeswehr gekümmert wie ihre Vorgänger im Amt.

Deshalb frage ich mich: Warum tun grade alle so, als sei die Bundeswehr bis von der Leyens Amtsantritt eine antifaschistische Veranstaltung gewesen? Armeen, und zwar alle, sind dafür berüchtigt, dass mehr oder weniger große Teile ihrer Belegschaften zweifelhaften Bräuchen, Verhaltensweisen und Traditionen frönen. Wobei zweifelhaft sehr, sehr freundlich ausgedrückt ist.

Auch, dass es in der Bundeswehr Leute gibt, die die Wehrmacht für etwas Großartiges halten, und Leute, die gerne andere erniedrigen und quälen, ist keine Neuigkeit. Und soweit ich weiß, hat keine Kaserne ihre Soldaten und Offiziere gezwungen, sich die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ anzuschauen.

Aber jetzt ist plötzlich alles, was an Wehrmachtskult und sadistischen Ritualen in der Bundeswehr bekannt wird, von der Leyens Schuld. Und ich vermute, die parteiübergreifende  Einigkeit in der Schuldzuweisung rührt auch daher, dass Frau von der Leyen eine Frau ist. Deshalb sind auch die Vertreter der Bundeswehr so ganz besonders wütend über ihre Kritik. Wie kann sie es wagen, als Frau die Unantastbarkeit dieses Männnervereins infrage zu stellen?! Beziehungsweise: wie kann sie es überhaupt wagen, als Frau die oberste Dienstherrin einer Armee sein zu wollen?!

Es fragt sich natürlich, warum sie sich das antut. Warum sie möglicherweise denkt, dachte?, das könnte karrierefördernd oder eine spannende Herausforderung sein. Diese Fragen sollte sie sich vieleicht stellen.

Und die Bundeswehrversteher, die jetzt über sie herfallen, von Herrn Schulz bis zu Herrn Bartels, sollten sich fragen, warum NS-Devotionalien, Wehrmachtskult und sadistische Rituale in der Bundeswehr immer erst auffliegen, wenn sie sich nicht mehr vertuschen lassen. Und warum Soldatinnen und Soldaten, die derlei ablehnen oder davon betroffen sind, es nicht wagen, sich ihren Vorgesetzten anzuvertrauen, oder Vorgesetzte das Berichtete nicht weitergeben. Und zwar nicht erst, seit von der Leyen Verteidigungsministerin ist.

Ein Dankeschön an die Bücherei

Liebe Buchhändler/innen, bitte mal weghören beziehungsweise schauen! Ich liebe Buchhandlungen, die kleinen, engagierten, mit dem guten Programm und der guten Beratung. Aber ich wäre vermutlich nicht ganz die, die ich bin, wenn es keine öffentlichen Bibliotheken gäbe.

Wir waren arm, als ich ein Kind war, richtig arm. Unsere Wohnung war das, was man Substandard nennt, wir hatten kein Badezimmer, kein warmes Wasser und schon gar nicht so etwas wie eine Waschmaschine. Aber wir hatten Bücher. Meine beiden Eltern waren Leseratten, und sie haben diese Leidenschaft an mich weiter gegeben.

Einige der Bücher besaßen wir selbst: Werke von Charles Dickens, Raymond Chandler, Joseph Conrad, Jack London, Daniel Defoe, Karl May, Friedrich Schiller… Dazu kamen die Bände aus der „Büchergilde“, dem Buchclub der Gewerkschaft. Mein Onkel war als Gewerkschafter auch in der Büchergilde engagiert und brachte uns viermal im Jahr die Bände, die wir uns zuvor im Katalog ausgesucht hatten: Ein Kinderbuch für mich, und ein Erwachsenenbuch für die Eltern.

Dieser feine aber kleine Bestand an Literatur reichte aber natürlich nicht für unseren Lesehunger. Also gingen wir in die Stadtbücherei, die Rettungsinsel für alle, die gerne lasen aber kein Geld für den Erwerb von Büchern hatten. Einmal pro Woche fuhren meine Mutter und ich in die Stadt (gemeint war damit die Innsbrucker Innenstadt), stiegen an der Haltstelle Maria-Theresien-Straße aus, gingen ein paar Meter weiter zum Taxis-Palais, dort bis ganz hinten durch und betraten das Paradies. Ich weiß nicht mehr, ob wir zwei oder drei Bände pro Nase mitnehmen durften, ich weiß nur, dass ich schon vor dem nächsten Besuch wieder auf dem Trockenen saß.

Später fuhr ich alleine hin. Irgendwann sprach mich die Bibliothekarin an, als „Stammkundin“ sozusagen. Sie wollte wissen, wie ich dieses und jenes Buch gefunden hatte. Ich erzählte es ihr, erst schüchtern und ein wenig ängstlich, dann immer freier und selbstbewusster. Sie hörte mir zu und nahm ernst, was ich sagte. Ihr verdanke ich vermutlich, dass ich ich nicht nur Autorin sondern auch Rezensentin wurde.

Heute gehe ich nicht mehr so häufig in die Bücherei, aber wenn ich dort bin, empfinde ich immer wieder Dankbarkeit dafür, dass es so etwas gibt. Was heute gar nicht mehr so selbstverständlich ist. Und dabei so dringend nötig. Ich wünsche mir, dass es überall, in jeder Stadt, auch in der kleinsten und entlegensten, eine Bücherei gibt. Dass Kinder ermutigt werden, hinzugehen. Dass Lehrerinnen und Lehrer schon in der Grundschule mit den Kindern Ausflüge in die örtliche Bibliothek machen, ihnen zeigen, was es da gibt, und wie man sich anmeldet und wie man dort schöne und spannende Bücher findet.

Und ich wünsche mir, dass auch Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen und Fördererschulen das mit ihren Schülerinnen und Schülern machen, ihnen vermitteln, wie gut es tut, zu lesen, dass es überhaupt nicht schwierig ist, an Bücher zu kommen, und dass man dafür keine reichen Eltern braucht.

Was Feminismus „damals“ wirklich war

Der „alte“ Feminismus, lese ich neuerdings, war beschränkt, männerfeindlich und wollte nur erreichen, dass Frauen Karriere machen. Wie bitte? Was Feminismus in den Siebzigerjahren wollte und bedeutete, können alle, die es gerne wirklich wüssten, nachlesen in meinem Text „Sisterhood oder: Wir kommen von weit, weit her“. (Der Text erscheint im Herbst in dem Band ZÜNDENDE FUNKEN Wiener Feministinnen der 70erjahre.) Und den ich hier schon mal vorab veröffentliche:

Sisterhood oder: Wir kommen von weit, weit her…

Am Beginn der Neuen Frauenbewegung stand für viele von uns: Wut. Eine lang angestaute, und nun nicht mehr zu bändigende Wut über all die Ungerechtigkeiten, mit denen wir uns nicht mehr abfinden wollten. In diesen ersten Anfängen dominierte das „Nein!“ Nein! zur angeblichen Überlegenheit der Männer und Unterlegenheit der Frauen. Nein! zur herkömmlichen Ehe mit allen Nachteilen für Frauen und Vorteilen für Männer. Nein! zum gesellschaftlichen Druck, überhaupt zu heiraten, Kinder zu bekommen, für die Familie den Beruf aufzugeben und ein Hausfrauenleben zu führen. Nein! zu dem Recht der Männer auf sexuelle Belästigung und Erniedrigung von Frauen. Nein! zum Ausschluss von Frauen aus unzähligen Berufen und Bereichen der Gesellschaft. Und Nein! dazu, dass all das angeblich von der Natur so vorgesehen ist.

Die Nein!-Phase hielt lange an und diverse Neins! waren – und sind – auch noch Jahrzehnte später nötig. Doch nach einer Weile ertönten die ersten zögerlichen und dann zunehmend begeisterten Jas: Ja zur eigenen Entscheidung! Ja zu den eigenen Lebensentwürfen jenseits von Hausfrau und Mutter! Ja zu unseren Fähigkeiten und Kompetenzen! Ja zur Solidarität und Freundschaft mit anderen Frauen! Ja zu unserer vollen Gleichberechtigung auf allen gesellschaftlichen und privaten Ebenen! Ja zu einer Sexualität, die uns befriedigt und nicht benutzt oder gelangweilt zurücklässt. Ja zu unserer Bewegung, unserer Revolution, zur Neuen Frauenbewegung!

Sisterhood nannten das die Amerikanerinnen: Schwesterlichkeit. In Anlehnung an den Begriff Brotherhood, den die Bürgerrechts- und die Black Power Bewegung programmatisch für sich in Anspruch genommen hatten. Brotherhood, Brüderlichkeit bedeutete: Wir Schwarzen sind Brüder und stehen wie Brüder zusammen. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, die eine Geschichte der rassistischen Unterdrückung und Ausbeutung ist, aber auch eine Geschichte der Gegenwehr und einer autonomen Kultur. (Wo die Sisters im Zusammenhang von Brotherhood blieben, ist ein eigenes Kapitel, mit dem sich schwarze Frauen klug, wütend und verletzt auseinandersetzten.)

Diese Vision von Sisterhood der amerikanischen Feministinnen, die schließlich auch in Wien ankam, wirkte wie ein Zauberspruch, der den Bannstrahl des Selbsthasses brach. Frauen sahen sich damals in erster Linie als Konkurrentinnen. Und so wurden sie auch dargestellt, in Filmen, in der Literatur, in den Fortsetzungsromanen der Frauenzeitschriften: Frauen nahmen einander die Männer weg. Frauen intrigierten gegeneinander. Frauen machten andere Frauen nieder, spotteten über ihre Frisur, ihre Kleidung, denunzierten sie als Flittchen, als schlechte Hausfrau, als Rabenmutter. Niemand war grausamer als eine Frau in der Beurteilung einer anderen Frau.

Und obwohl so viele Frauen eine beste Freundin hatten oder auch mehrere Freundinnen, obwohl Schwestern, Schwägerinnen, Nachbarinnen einander aushalfen mit Dingen und Ratschlägen und Kinder-hüten: Fast alle glaubten das Märchen von der Frau als der größten Feindin der Frau. Wobei es nicht nur ein Märchen war. Es gab (und gibt) tatsächlich solche Frauen. Aber es gibt – und gab – eben auch all die anderen. Das wurde zwar privat so erlebt, aber in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Und niemand dachte darüber nach, warum Frauen anderen Frauen misstrauten oder sie herabsetzten.

Und da war noch ein Problem, das entscheidende vermutlich, das das Fehlen von Sisterhood mit erklärt: Frauen dachten, sie seien grundsätzlich von Männern abhängig. Und oft war es ja auch so. Wollte eine verheiratete Frau damals arbeiten gehen, brauchte sie die Erlaubnis ihres Ehemanns. Bekam sie unverheiratet ein Kind, wurde ihr das Sorgerecht verweigert. In jedem Fall wurde den Angehörigen des weiblichen Geschlechts von klein auf beigebracht: Du musst dir einen Mann suchen, der dich und deine Kinder ernähren kann. Und: du darfst dir den auf keinen Fall von einer anderen wegschnappen lassen! Und: Deine Loyalität muss immer dem Mann gelten, egal, was er tut und wie er dich behandelt.

Erst kam also der Mann. Dann kamen die Kinder. Dann ganz lange gar nichts. Und dann erst die eigene Verwandtschaft, Freundinnen und Kolleginnen (sofern frau berufstätig war und welche hatte).

Viele unserer Mütter hatten diese „Selbstverständlichkeiten“ akzeptiert und sich den Regeln unterworfen. Nach dem Motto: „So ist eben das Leben“. Schon gar das einer verheirateten Frau. Gleichzeitig aber hatten sie während des Krieges, als die Männer „im Feld“ waren, rundum ihre Frau gestanden – mit Hilfe anderer Frauen. Erst mit der Rückkehr der Männer kehrten auch die alte Rollenteilung und die absolute Priorität des Ehemannes zurück. Und nur wenige Frauen widersprachen. (Warum das so war, ist noch immer nicht ausreichend erforscht. Deshalb lasse ich die Frage hier unbeantwortet. Gehe aber davon aus, dass, neben Erschöpfung, auch die Sehnsucht nach „Normalität“ eine Rolle spielte.)

Als ich für mein Buch über „Töchter und der Tod der Mutter“ recherchierte, Jahrzehnte nach meinem Aufbruch als Feministin, fand ich zu meinem großen Erstaunen heraus: Nicht alle Frauen der Kriegsgeneration waren so traditionell wie ich gedacht hatte – und wie sie selbst sich gegeben hatten. Sie fügten sich zwar in die Rolle, litten aber ihr Leben lang darunter. Interviewpartnerinnen, die in etwa in meinem Alter waren, erzählten mir, ihre Mütter seien hart, lieblos und verbittert gewesen. Verbittert darüber, dass sie – trotz Berufsausbildung oder Studium – spätestens nach der Geburt des ersten Kindes zu einem Dasein als Hausfrau und Mutter verdammt waren.

Und diese Mütter hätten ihnen, den Töchtern, einen fatalen Double-bind verpasst: Du musst – einerseits – ein richtiges Mädchen sein (mit Schleifchen, Kleidchen, Knickschen) und eine richtige Frau werden (mit Mann und Kindern). Sieh aber – andererseits – zu, dass du einen Beruf erlernst oder studierst, und dass du deinen Beruf dann auch ausübst, damit du nie, nie, nie von einem Mann abhängig bist! Heute, nach dieser Erkenntnis, ahne ich, dass einige der Frauen, mit denen ich in der Frauenbewegung aktiv war, genau solche Mütter hatten.

Aber zurück zu den Anfängen der Frauenbewegung. Meinen Anfängen als Feministin. Der Anfang war ein Versammlungsraum im Wiener ersten Bezirk. Da, hörte ich irgendwie von irgendwem, trafen sich Frauen, die sich als Frauen organisieren wollten. „Nichts wie hin!“, dachte ich.

Aber war das der Anfang? Nein, der war früher. Der Anfang war ein Abend im Jahr 1970[1] in Innsbruck. Genauer gesagt: im Vereinslokal der Innsbrucker „Basis-Gruppe“, einer Organisation der undogmatischen Linken (nach dem Austritt aus dem VSSTÖ).  An diesem Abend hing ein Flugblatt an der Wand, das Genossinnen dort platziert hatten. Heute ist dieses Flugblatt des Frankfurter Weiberrats von 1968 Legende. Damals war es eine ganz ungeheure Provokation. Es zeigt eine Frau, die, lediglich mit einem Hut bekleidet, auf dem Sofa liegt. In der Hand ein Beil. Über ihr an der Wand hängen – wie Jagdtrophäen – die Penisse von sechs bekannten Aktivisten der Studentenbewegung. Die Überschrift lautet:  „Rechenschaftsbericht des Weiberrats der Gruppe Frankfurt“. Die Parole: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“.

Wir Frauen fanden das ziemlich komisch, was die Genossen zutiefst  verletzte. Einer drohte sogar, in den Inn zu gehen. Seine Freundin ging ihm zur Sicherheit hinterher (nicht ins Wasser sondern nur bis ans Ufer) und machte wieder kehrt, als klar war: Er wird´s nicht tun. Eine eigene Frauengruppe brachten wir damals nicht zustande. Aber ich war sozusagen infiziert.

Oder besser gesagt: Etwas, das in mir ohnehin schon da war, wurde wiederbelebt. Ich wollte nämlich als Mädchen Indianerhäuptling werden. Bis mir ein Spielkamerad, dessen Federschmuck viel weniger Federn hatte als meiner, erklärte: „Frauen können nicht Häuptling werden. Nur Squaw!“ Und, hatte er dann noch daraufgesetzt: „Squaws dürfen gar keinen Federschmuck tragen!“ Diese mir völlig unverständliche Ungerechtigkeit revoltiere mich. Denn den Federschmuck hatte mir mein Vater gebastelt. Und meine Mutter hatte mich dazu erzogen, ein selbständiger unabhängiger Mensch zu werden. Somit war ich also rundum prädestiniert für dieses Neue, das da 1972 in Wien entstehen sollte: Die Aktion Unabhängiger Frauen.

Die Frauen, die an diesem Donnerstagabend in dem rauchgeschwängerten Versammlungsraum saßen, und die Frauen, die dann rasch eine nach der andern dazu kamen, waren ein bunt gemischter Haufen. Studentinnen und Berufstätige, verheiratet und alleinstehend, heterosexuell und lesbisch, Mütter und Kinderlose. Gestandene Linke und Frauen, die, wie ich selbst, Erfahrungen in der undogmatischen Linken gesammelt hatten, aber eher der Fraktion Sex ´n` Drugs `n `Rock&Roll angehörten. Wobei das mit dem Sex so eine Sache war…

Sex war in den Sechzigerjahren untrennbar verbunden mit der Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft. Die damals katastrophale Folgen für Mädchen und unverheiratete Frauen hatte. Und auch viele Ehefrauen riskierten lieber eine lebensgefährliche illegale Abtreibung, als noch ein weiteres, ungeplantes, Kind zu bekommen.

Und so forderte die Neue Frauenbewegung – noch bevor sie das Thema Sex direkt anging – die Abschaffung des Abtreibungs-Paragraphen. Mit dem Kampf um die Legalisierung der Abtreibung, der Anfang der Siebzigerjahre in fast allen westeuropäischen Staaten und den USA begann, sprachen wir Millionen Frauen an – und wurden so zeitweise zu einer Massenbewegung.

Anfang der Sechzigerjahre kam die Antibabypille auf den Markt. Aber eine junge Frau, die weder verheiratet noch volljährig war, konnte nur mithilfe von Tipps und Tricks an ein Rezept gelangen. Wenn es ihr gelang, verschaffte ihr die Pille eine bis dahin nicht gekannte Freiheit: Sie ermöglichte es ihr, die Verhütung in die eigene Hand zu nehmen und angstfrei Sex zu haben.

Doch auch die neue Freiheit führte nicht immer zu einem Lustgewinn. Viele Männer, einschließlich vieler Anhänger der „Sexuellen Revolution“, verstanden unter Sex: Rammeln. Konkret: Ein schlichtes und schnelles Rein-Raus, das Frauen zutiefst unbefriedigt zurück ließ. Heute werden Feministinnen gerne als verklemmt und lustfeindlich gesehen. Doch als lustfeindlich hatten sich de facto die meisten Männer erwiesen: als feindlich gegenüber der weiblichen Lust.  Als wir Frauen uns endlich die Freiheit nahmen, unsere sexuellen Bedürfnisse zu erkunden und einzufordern, wurde Sex zu einer lustvollen und beglückenden Angelegenheit. Für beide Beteiligten.

Gleichzeitig wurden der Kampf um die Legalisierung der Abtreibung, die praktische Hilfe, die wir relativ bald für ungewollt schwangere Frauen organisierten, und vor allem das – erst zögerliche, dann zunehmend offene – miteinander reden über unsere sexuellen Erfahrungen zur einer Ausgangsbasis für unsere Erfahrung von Sisterhood.

Unsere politische Arbeit im klassischen Sinne war damals weitgehend geprägt vom Nein!. „Weg mit dem Paragrafen 144!“ riefen wir auf den Demos, wir waren gegen das Abtreibungsverbot. Aber wir liefen auf den Demos zusammen über den Ring, wir hatten sie zusammen vorbereitet. Wir hatten zusammen die Flugblätter formuliert, diskutiert, getippt und auf Matrizen abgezogen (für jüngere Leser/innen: PCs gar es noch nicht).

Wir erlebten: Frauen können gemeinsam etwas initiieren, organisieren, durchführen. Und das macht auch noch Spaß! Wir brauchen keine Männer, um eine Demonstration, eine Aktion, ein Teach-in, eine Kundgebung erfolgreich hinzukriegen. Wir können das alles selber. Anders gesagt: Frauen sind klug, mutig, Organisationstalente, Formulierungskünstlerinnen, streitbar  – und humorvoll! Wir kletterten nachts heimlich auf das große Maria-Theresien-Denkmal auf dem Burgring und hängten ihr, die bekanntlich 16 Kinder geboren hatte, ein Plakat gegen den Abtreibungsparagrafen um den Hals.

Die Wut hatte uns zusammengebracht. Die Erfahrung von Sisterhood hielt uns zusammen und inspirierte unsere Arbeit. Unsere Wut galt all den Benachteiligungen und Herabsetzungen, die wir erfuhren. Unsere Begeisterung jedoch entzündete sich an unseren neu entdeckten Fähigkeiten und Ressourcen und an der Freude, mit anderen Frauen zusammen zu sein und etwas zusammen zu unternehmen. Während Simone de Beauvoir in Das andere Geschlecht Frauen noch als wehrlose, männlicher Macht ausgelieferte Opfer darstellt, entdeckten wir als „Täterinnen“, als Frauen, die aktiv für ihre Rechte kämpften, all die Stärken, über die wir verfügten.

Wir lernten einander zu schätzen, zu respektieren, anzuerkennen. Und indem wir einander schätzen lernten, lernte jede einzelne, auch sich selbst zu schätzen. Indem wir begannen, uns selbst als vollwertige menschliche Wesen zu respektieren, begannen wir auch andere Frauen zu respektieren. Was Weiblichkeit bedeutet, wollten wir nun selbst bestimmen.

Wir durchforsteten Geschichtsbücher, Archive, Bibliotheken nach Frauen, die in der Vergangenheit ihre Frau gestanden und etwas Ungewöhnliches vollbracht hatten. Entdeckten Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Komponistinnen, Philosophinnen, Wissenschaftlerinnen, Revolutionärinnen, die von der männlichen Historiografie an den Rand gestellt und dem Vergessen überlassen worden waren. In der Bundesrepublik gründeten Feministinnen Frauenverlage, Frauenbuchläden, Frauengalerien, Frauenbands, feministische Zeitschriften. Wir in Wien hatten unser Zentrum, die Zeitschrift AUF und schließlich auch den Frauenbuchladen in der Lange Gasse.

Wir waren aber nicht nur Aktivistinnen, und es war nicht nur die klassische politische Arbeit, die uns voranbrachte auf unserer Reise zu Selbstbestimmung und Frauen-Power. Wie die Vision von Sisterhood kamen auch die CR-Gruppen (Consciousness Raising = Selbsterfahrungs-Gruppen) aus den USA. Sie stießen hierzulande nicht auf einhellige Begeisterung, es gab Frauen, die sie als „völlig unpolitische Selbstbespiegelung“ oder gar als „esoterisch“ ablehnten. Andere, darunter auch ich selbst, sahen darin eine Bereicherung und Vertiefung unseres Engagements als und für Frauen. Nicht zufällig lautete der Slogan der Neuen Frauenbewegung “Das Private ist politisch“. Und was das hieß, das begriff ich erst wirklich in der CR-Gruppe, die wir in Wien ins Leben riefen.

Da saßen wir politischen Kämpferinnen und sprachen über unsere Mütter. Über unsere erste Regel. Unser „Erstes Mal“. Über Vergewaltigungen und darüber, dass wir uns selbst schuldig fühlten – „Habe ich ihm einen falschen Eindruck vermittelt? Hätte ich nicht mit ihm mit gehen dürfen“… Wir sprachen über Minderwertigkeitsgefühle, die Angst öffentlich zur reden, und sei es nur vor einer kleinen Gruppe, die Verletzungen, die männliche Arroganz in uns auslöste, und, und, und…Wir sprachen über Dinge, die wir höchstens der besten Freundin erzählt hatten. Oder nicht einmal ihr. Wir sprachen über unsere Beziehungen, über Sex…

Diese Gruppensitzungen hatten beträchtliche Folgen. Frauen trennten sich von ihren Männern. Oder handelten die Beziehung neu aus. Erforschten ihre sexuellen Bedürfnisse. Hörten auf, im Bett Theater zu spielen. Oder gestanden sich ihre Liebe zu Frauen ein und zu. Redeten erstmals offen mit ihrer Mutter. Überdachten ihre beruflichen und familiären Entscheidungen neu…

Ich bin mir auch sicher, dass einige der wichtigsten feministischen Erkenntnisse auf den Gesprächen in diesen und ähnlichen Gruppen basieren. Hier konnten wir erkennen, dass unsere Benachteiligung und Herabwürdigung als Frauen nicht nur auf der Macht und dem Ausbeutungsinteresse „der Männer“ oder „des Patriarchats“ beruhten. Sondern auch auf der Verinnerlichung des Patriarchats, seiner Dogmen und Regeln durch Frauen. Dass viele Frauen ihre Herabwürdigung und Verdinglichung – wie unbewusst auch immer – internalisiert hatten. Später, als die ersten Häuser für geschlagene Frauen gegründet wurden, machten die Feministinnen, die sie initiiert hatten und nun darin arbeiteten eine bittere und desillusionierende Feststellung: Frauen, die mit schwersten Verletzungen bei ihnen Zuflucht suchten, kehrten später zu den Männern zurück, die ihnen diese Verletzungen – wiederholt – zugefügt hatten.

Warum das so war, versuchten feministische Psychologinnen, Therapeutinnen und Sozialpädagoginnen herauszufinden. Doch wir ahnten schon damals auf Grund unserer offenen Gespräche in den CR-Gruppen: Die negativen Auswirkungen einer „weiblichen“ Sozialisierung über zig Generationen sind uns unter die Haut gegangen. Und ehe wir uns davon nicht befreit haben, bietet uns die gesetzliche Gleichberechtigung nur die Möglichkeit zu einem gleichberechtigten selbstbestimmten Leben. Das ist schon sehr viel. Doch das Patriarchat unter unserer Haut hindert viele von uns daran, die Möglichkeit wirklich zu ergreifen und dauerhaft zu nutzen.

Wir waren so euphorisch und voller Hoffnung und Zuversicht in diesen ersten Jahren. Dann kamen die ersten Rückschläge und Enttäuschungen, die Einsicht, dass dieser Sprint sich zum Marathon auswächst, dass schon die rein politischen Erfolge so schwer zu erringen sind, und die tieferliegenden Probleme noch viel schwerer zu lösen sind. Es kamen Querelen, Abgrenzungen, Spaltungen, gegenseitige Diffamierungen… Wunden wurden geschlagen, die manchmal bis heute nicht geheilt sind. Und trotzdem: Ich weiß noch immer um den Zauber und die Power von Sisterhood.

Vor der Frauenbewegung dachte ich, starke, mutige, widerständige, rebellische Frauen wären die Ausnahme. Seit unserem Aufbruch, damals, Anfang der Siebzigerjahre sehe ich die Qualitäten von undendlich vielen Frauen, ihren Einfallsreichtum, ihre Kreativität, ihre Zähigkeit, ihren Mut, ihre Fähigkeit zu Freundschaft und Solidarität.

Ich sehe auch den Rollback, der uns gerade um Meilen zurück wirft. Die Mädchen und jungen Frauen, die sich halb oder auch ganz zu Tode hungern; die sich stylen wie Prostituierte bei der Arbeit, weil sie meinen, sie müssten sexy sein, um Anerkennung und Zuwendung zu finden; die Frauen, die ihren Körper als eine Endlos-Baustelle sehen, an der ständig etwas gemacht werden muss: Busen vergrößert, Haare wegrasiert, Falten weggeschnitten, Lippen aufgespritzt, Muskeln auf und Bauch abgebaut, Schamlippen „korrigiert“, Designervagina herbei operiert….

Und dann wird mir klar: Was waren wir Feministinnen aus der Generation der Achtundsechziger, der sexuellen Befreiung, des Summer of Love damals „unschuldig“ und zugleich selbstbewusst! Wir kämpften dagegen, als Sexobjekte wahrgenommen und behandelt zu werden. Und wären im Traum nicht drauf gekommen, uns die „Scham“haare zu rasieren oder gar die Vagina operieren zu lassen, um „sexy“ zu wirken.

Heute, vierzig Jahre nach unserem AUFbruch, bin ich glücklich und stolz, dass ich damals mitten drin war. Es war eine beglückende, aufregende, lebendige, inspirierende Zeit. Wir waren in Wien auch so privilegiert, hier lebten und arbeiteten gleich mehrere großartige Schriftstellerinnen, Friederike Mayröcker, Elfriede Jelinek, Elfriede Gerstl, Künstlerinnen wie Valie EXPORT, Musikerinnen wie Marie Therese Escribano, die Avantgarde war in Wien (auch) weiblich. Christiane Nöstlinger schrieb Kinderbücher, die quer zur Tradition standen, der linke Buchladen wurde von Brigitte Hermann geführt, in der Politik gab es Verbündete wie Johanna Dohnal… Diese Frauen liefen zwar nicht (alle) auf unseren Demos mit, aber sie waren da, sie zeigten: Das können Frauen!

Ich habe in diesen ersten AUF-Jahren miterlebt, wie Frauen mit Bravour gegen alle Regeln verstoßen und Neues erschaffen, wie Frauen sich aufeinander beziehen und aufeinander verlassen, wie Frauen sich zusammen tun, um die Welt zu verändern. Wie Frauen zusammen feiern, tanzen, lachen, sich amüsieren, diskutieren, streiten, einander wertschätzen, trösten, heilen, aus der Hölle holen und miteinander die gewagtesten Luftsprünge machen.

Das habe ich bis heute nicht vergessen. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, selbstverständlich geworden, denn es hat bestätigt, was ich schon als Mädchen wusste: Auch Squaws können Häuptling werden und einander mit den prächtigsten Federn schmücken.

Deshalb können all die späteren Zerwürfnisse unter Feministinnen und auch die Zählebigkeit der patriarchalen Strukturen die Erfahrungen nicht revidieren, die ich damals machte, und die Euphorie nicht zum Erlöschen bringen, in der wir (oder wenigstens viele von uns) damals lebten und handelten.

Copyright: Ingrid Strobl

[1] Ich glaube, es war 1970, es kann auch etwas früher oder später gewesen sein.

Geht es noch?

Das ist jetzt kein BLOG-Beitrag zum Thema Alt-werden. Das ist ein Beitrag zum Thema Habt-ihr-sie-noch-alle? Ich sehe Nachrichten und bekomme erklärt, wie toll die Entwicklung von selbstfahrenden Autos voranschreitet. Wie begeistert auf der letzten Messe Besucher Geräte bestaunten, mit denen sie vom Büro aus ihre Waschmaschine steuern und schon mal ihren Herd anstellen können. Pah! Schnee von gestern! Auf der neuesten Messe werden Waschmaschinen und Herde vorgeführt, die das alles schon selber können, die mit einander kommunizieren und den Haushalt schmeißen.

Dasselbe gibt es für noch viele andere Bereiche des täglichen Lebens. In der Industrieproduktion ist es teils schon Gang und Gäbe. Dito in der Landwirtschaft. Da fahren die Traktoren selbständig übers Feld, messen, wo zu wenig oder zu viel Düngemittel drin steckt, wo was nachwächst und wo nicht und säen und ernten nebenbei auch noch. Und vor allem, und das gilt nicht nur für Traktoren. Die Maschinen treffen alle Entscheidungen selbst.

Wäre das ein Film, ich würde nicht rein gehen, der Horror wäre mir zu groß. Der Mensch gibt freiwillig Entscheidungsprozesse an Maschinen beziehungsweise digitale Systeme ab, die er zwar programmieren kann, dann aber nicht mehr wirklich im Griff hat. Über deren autonome Entwicklungen er schon mal spekuliert aber noch nichts wirklich weiß. Maschinen an die Macht!

Wollen wir das? Was ist so schlimm daran, den Herd anzumachen, die Waschmaschine, die Heizung? Das ist weder Schwerarbeit noch eine besondere intellektuell Herausforderung. Es ist eine selbstbestimmte Handlung, mit der ich entscheide, was wann wie in meinem Haushalt passieren soll. Das tut mir nicht weh, das gehört zum Alltag, das gehört zu mir: Ich tue etwas, und das hat dann entsprechende Folgen. Ich mache den Herd an, setze den Topf drauf, stelle die Hitze ein, fahre sie wieder runter, wieder ein bisschen hoch… Das ist Kochen, das ist Alltag, das ist Leben.

„Die Kehrseite des Fortschritts ist Terror“ schrieb Peter Weiss vor zig Jahren, als es noch nicht mal ein Handy gab. Heute reden Menschen, die damit Geld verdienen wollen, anderen Menschen ein, sie müssten im Alltags nichts mehr tun und auch nichts mehr entscheiden, das könnten alles intelligente Programme erledigen. Und sie könnten sich im Auto seelenruhig mit ihrem Smartphone vergnügen, denn auch das Auto fährt sich selbst. Wenn es dann doch zu einem Unfall, womöglich mit Schwerverletzten oder Toten kommt, ist die einzig relevante Frage nicht die, „warum habe ich mich auf so etwas eingelassen?“ oder die „warum haben wir so etwas hergestellt!?“ sondern: „Wer kann dafür haftbar gemacht werden?“

Wollen wir das alles wirklich? Ich jedenfalls will es nicht. Und ich möchte auch nicht in einer Welt leben, in der die Menschen sich freiwillig selbst entmündigen und ihrer einfachsten Fähigkeiten und Handlungen berauben…

Abenteuer alt werden 6

Trump kommt, Cohen geht. Mit so etwas wie Trump habe ich nicht gerechnet. Dass allerdings die „Götter“ meiner Jugend allmählich sterben, ist keine Überraschung. Traurig macht es mich trotzdem. Und nostalgisch. Um nicht zu sagen: sentimental. Das Wochenende habe ich damit verbracht, „Marianne“, „Suzanne“ und „Like a Bird on the Wire“ vor mich hin zu singen.

Ich hatte in meiner Jugend auch noch andere Götter (und ein paar Göttinnen): Literarische, musikalische, Künstler/innen… Aber nur wenig konnten mich so inspirieren, trösten, anturnen wie die Stones, Eric Burdon, Jimi Hendrix, Traffic, Pink Floyd, die Doors, Bob Dylan und eben Leonard Cohen. Er war zuständig für die wehe Sehnsucht, das Einsamkeitsgefühl. Ich konnte nur selten (wie bei den Stones) den ganzen Song mitsingen, weil mir irgendwann die Tränen die Stimme raubten. (Oder meine beste Freundin mich bat, aufzuhören, weil ich so falsch sang.)

Rockmusik gehörte damals existenziell zu meinem Leben und dem meiner Freundinnen und Freunde. Wir hörten unsere Platten, rauchten dazu Joints oder waren auf Trip. Ein Teil unserer musikalischen Götter und Göttinnen starb am Heroin, noch während wir auf ihre nächste Platte warteten. Andere lebten noch vergleichsweise lange, und einige, Eric Burdon zum Beispiel, Bob Dylan, und mein Obergott Keith Richards leben immer noch… Und als nun Leonard Cohen starb, der Troubadour meiner Traurigkeit, habe ich was getan? Cohen gehört. Klar. Rauf und runter.

Ich bin rockmusikalisch bei Velvet Underground stehen geblieben. Seither habe ich nur noch Nirwana und Amy Winehouse wirklich geschätzt. Und auch gerne mal gehört. Ansonsten bin ich „erwachsen“ geworden. Wenn ich mich traurig fühle, den Blues habe oder auch nur abhängen will, höre ich eher Billie Holiday, Jazz, alte Musik. Kaum jemand kann so schön klagen wie Purcell und Monteverdi. Und dennoch: Tief in mir gibt es eine Sehnsucht, einen Schmerz, und die brauchen bestimmte Stones-Songs, Doors-Songs, Cohen-Songs.

Ich weiß, damit stehe ich nicht allein. Die Flucht in die Tröstungen der Jugend ist ein Aspekt des Altwerdens. Und gerne verbunden mit der sturen Überzeugung, früher sei alles besser gewesen. Die Rockmusik zum Beispiel. Also, die Rockmusik auf jeden Fall!… Wenn ich mich dabei ertappe, schäme ich mich vor mir selber. Ehrlich. Aber eine kleine heisere Stimme in mir flüstert: „So ist es doch!“

Für ein Hörfunk-Feature habe ich einmal eine junge Frau interviewt. Sie hatte die Augen schwarz umrandet, war sehr dünn und sehr intelligent. Ich fragte sie, welche Musik sie hört. Sie zögerte einen Moment, scannte mich und „gestand“ dann: Black Metal. Bis dahin war Metal für mich ein Synonym für Krach gewesen. Nun war ich neugierig geworden. Hörte und stellte fest. Es ist nicht meins, aber es spricht mich an. Ich glaube, wenn ich heute sechzehn wäre, würde ich Black Metal hören.

Ansonsten fürchte ich mich jetzt schon vor dem Tag, an dem Keith Richards stirbt.