Was Feminismus „damals“ wirklich war

Der „alte“ Feminismus, lese ich neuerdings, war beschränkt, männerfeindlich und wollte nur erreichen, dass Frauen Karriere machen. Wie bitte? Was Feminismus in den Siebzigerjahren wollte und bedeutete, können alle, die es gerne wirklich wüssten, nachlesen in meinem Text „Sisterhood oder: Wir kommen von weit, weit her“. (Der Text erscheint im Herbst in dem Band ZÜNDENDE FUNKEN Wiener Feministinnen der 70erjahre.) Und den ich hier schon mal vorab veröffentliche:

Sisterhood oder: Wir kommen von weit, weit her…

Am Beginn der Neuen Frauenbewegung stand für viele von uns: Wut. Eine lang angestaute, und nun nicht mehr zu bändigende Wut über all die Ungerechtigkeiten, mit denen wir uns nicht mehr abfinden wollten. In diesen ersten Anfängen dominierte das „Nein!“ Nein! zur angeblichen Überlegenheit der Männer und Unterlegenheit der Frauen. Nein! zur herkömmlichen Ehe mit allen Nachteilen für Frauen und Vorteilen für Männer. Nein! zum gesellschaftlichen Druck, überhaupt zu heiraten, Kinder zu bekommen, für die Familie den Beruf aufzugeben und ein Hausfrauenleben zu führen. Nein! zu dem Recht der Männer auf sexuelle Belästigung und Erniedrigung von Frauen. Nein! zum Ausschluss von Frauen aus unzähligen Berufen und Bereichen der Gesellschaft. Und Nein! dazu, dass all das angeblich von der Natur so vorgesehen ist.

Die Nein!-Phase hielt lange an und diverse Neins! waren – und sind – auch noch Jahrzehnte später nötig. Doch nach einer Weile ertönten die ersten zögerlichen und dann zunehmend begeisterten Jas: Ja zur eigenen Entscheidung! Ja zu den eigenen Lebensentwürfen jenseits von Hausfrau und Mutter! Ja zu unseren Fähigkeiten und Kompetenzen! Ja zur Solidarität und Freundschaft mit anderen Frauen! Ja zu unserer vollen Gleichberechtigung auf allen gesellschaftlichen und privaten Ebenen! Ja zu einer Sexualität, die uns befriedigt und nicht benutzt oder gelangweilt zurücklässt. Ja zu unserer Bewegung, unserer Revolution, zur Neuen Frauenbewegung!

Sisterhood nannten das die Amerikanerinnen: Schwesterlichkeit. In Anlehnung an den Begriff Brotherhood, den die Bürgerrechts- und die Black Power Bewegung programmatisch für sich in Anspruch genommen hatten. Brotherhood, Brüderlichkeit bedeutete: Wir Schwarzen sind Brüder und stehen wie Brüder zusammen. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, die eine Geschichte der rassistischen Unterdrückung und Ausbeutung ist, aber auch eine Geschichte der Gegenwehr und einer autonomen Kultur. (Wo die Sisters im Zusammenhang von Brotherhood blieben, ist ein eigenes Kapitel, mit dem sich schwarze Frauen klug, wütend und verletzt auseinandersetzten.)

Diese Vision von Sisterhood der amerikanischen Feministinnen, die schließlich auch in Wien ankam, wirkte wie ein Zauberspruch, der den Bannstrahl des Selbsthasses brach. Frauen sahen sich damals in erster Linie als Konkurrentinnen. Und so wurden sie auch dargestellt, in Filmen, in der Literatur, in den Fortsetzungsromanen der Frauenzeitschriften: Frauen nahmen einander die Männer weg. Frauen intrigierten gegeneinander. Frauen machten andere Frauen nieder, spotteten über ihre Frisur, ihre Kleidung, denunzierten sie als Flittchen, als schlechte Hausfrau, als Rabenmutter. Niemand war grausamer als eine Frau in der Beurteilung einer anderen Frau.

Und obwohl so viele Frauen eine beste Freundin hatten oder auch mehrere Freundinnen, obwohl Schwestern, Schwägerinnen, Nachbarinnen einander aushalfen mit Dingen und Ratschlägen und Kinder-hüten: Fast alle glaubten das Märchen von der Frau als der größten Feindin der Frau. Wobei es nicht nur ein Märchen war. Es gab (und gibt) tatsächlich solche Frauen. Aber es gibt – und gab – eben auch all die anderen. Das wurde zwar privat so erlebt, aber in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Und niemand dachte darüber nach, warum Frauen anderen Frauen misstrauten oder sie herabsetzten.

Und da war noch ein Problem, das entscheidende vermutlich, das das Fehlen von Sisterhood mit erklärt: Frauen dachten, sie seien grundsätzlich von Männern abhängig. Und oft war es ja auch so. Wollte eine verheiratete Frau damals arbeiten gehen, brauchte sie die Erlaubnis ihres Ehemanns. Bekam sie unverheiratet ein Kind, wurde ihr das Sorgerecht verweigert. In jedem Fall wurde den Angehörigen des weiblichen Geschlechts von klein auf beigebracht: Du musst dir einen Mann suchen, der dich und deine Kinder ernähren kann. Und: du darfst dir den auf keinen Fall von einer anderen wegschnappen lassen! Und: Deine Loyalität muss immer dem Mann gelten, egal, was er tut und wie er dich behandelt.

Erst kam also der Mann. Dann kamen die Kinder. Dann ganz lange gar nichts. Und dann erst die eigene Verwandtschaft, Freundinnen und Kolleginnen (sofern frau berufstätig war und welche hatte).

Viele unserer Mütter hatten diese „Selbstverständlichkeiten“ akzeptiert und sich den Regeln unterworfen. Nach dem Motto: „So ist eben das Leben“. Schon gar das einer verheirateten Frau. Gleichzeitig aber hatten sie während des Krieges, als die Männer „im Feld“ waren, rundum ihre Frau gestanden – mit Hilfe anderer Frauen. Erst mit der Rückkehr der Männer kehrten auch die alte Rollenteilung und die absolute Priorität des Ehemannes zurück. Und nur wenige Frauen widersprachen. (Warum das so war, ist noch immer nicht ausreichend erforscht. Deshalb lasse ich die Frage hier unbeantwortet. Gehe aber davon aus, dass, neben Erschöpfung, auch die Sehnsucht nach „Normalität“ eine Rolle spielte.)

Als ich für mein Buch über „Töchter und der Tod der Mutter“ recherchierte, Jahrzehnte nach meinem Aufbruch als Feministin, fand ich zu meinem großen Erstaunen heraus: Nicht alle Frauen der Kriegsgeneration waren so traditionell wie ich gedacht hatte – und wie sie selbst sich gegeben hatten. Sie fügten sich zwar in die Rolle, litten aber ihr Leben lang darunter. Interviewpartnerinnen, die in etwa in meinem Alter waren, erzählten mir, ihre Mütter seien hart, lieblos und verbittert gewesen. Verbittert darüber, dass sie – trotz Berufsausbildung oder Studium – spätestens nach der Geburt des ersten Kindes zu einem Dasein als Hausfrau und Mutter verdammt waren.

Und diese Mütter hätten ihnen, den Töchtern, einen fatalen Double-bind verpasst: Du musst – einerseits – ein richtiges Mädchen sein (mit Schleifchen, Kleidchen, Knickschen) und eine richtige Frau werden (mit Mann und Kindern). Sieh aber – andererseits – zu, dass du einen Beruf erlernst oder studierst, und dass du deinen Beruf dann auch ausübst, damit du nie, nie, nie von einem Mann abhängig bist! Heute, nach dieser Erkenntnis, ahne ich, dass einige der Frauen, mit denen ich in der Frauenbewegung aktiv war, genau solche Mütter hatten.

Aber zurück zu den Anfängen der Frauenbewegung. Meinen Anfängen als Feministin. Der Anfang war ein Versammlungsraum im Wiener ersten Bezirk. Da, hörte ich irgendwie von irgendwem, trafen sich Frauen, die sich als Frauen organisieren wollten. „Nichts wie hin!“, dachte ich.

Aber war das der Anfang? Nein, der war früher. Der Anfang war ein Abend im Jahr 1970[1] in Innsbruck. Genauer gesagt: im Vereinslokal der Innsbrucker „Basis-Gruppe“, einer Organisation der undogmatischen Linken (nach dem Austritt aus dem VSSTÖ).  An diesem Abend hing ein Flugblatt an der Wand, das Genossinnen dort platziert hatten. Heute ist dieses Flugblatt des Frankfurter Weiberrats von 1968 Legende. Damals war es eine ganz ungeheure Provokation. Es zeigt eine Frau, die, lediglich mit einem Hut bekleidet, auf dem Sofa liegt. In der Hand ein Beil. Über ihr an der Wand hängen – wie Jagdtrophäen – die Penisse von sechs bekannten Aktivisten der Studentenbewegung. Die Überschrift lautet:  „Rechenschaftsbericht des Weiberrats der Gruppe Frankfurt“. Die Parole: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“.

Wir Frauen fanden das ziemlich komisch, was die Genossen zutiefst  verletzte. Einer drohte sogar, in den Inn zu gehen. Seine Freundin ging ihm zur Sicherheit hinterher (nicht ins Wasser sondern nur bis ans Ufer) und machte wieder kehrt, als klar war: Er wird´s nicht tun. Eine eigene Frauengruppe brachten wir damals nicht zustande. Aber ich war sozusagen infiziert.

Oder besser gesagt: Etwas, das in mir ohnehin schon da war, wurde wiederbelebt. Ich wollte nämlich als Mädchen Indianerhäuptling werden. Bis mir ein Spielkamerad, dessen Federschmuck viel weniger Federn hatte als meiner, erklärte: „Frauen können nicht Häuptling werden. Nur Squaw!“ Und, hatte er dann noch daraufgesetzt: „Squaws dürfen gar keinen Federschmuck tragen!“ Diese mir völlig unverständliche Ungerechtigkeit revoltiere mich. Denn den Federschmuck hatte mir mein Vater gebastelt. Und meine Mutter hatte mich dazu erzogen, ein selbständiger unabhängiger Mensch zu werden. Somit war ich also rundum prädestiniert für dieses Neue, das da 1972 in Wien entstehen sollte: Die Aktion Unabhängiger Frauen.

Die Frauen, die an diesem Donnerstagabend in dem rauchgeschwängerten Versammlungsraum saßen, und die Frauen, die dann rasch eine nach der andern dazu kamen, waren ein bunt gemischter Haufen. Studentinnen und Berufstätige, verheiratet und alleinstehend, heterosexuell und lesbisch, Mütter und Kinderlose. Gestandene Linke und Frauen, die, wie ich selbst, Erfahrungen in der undogmatischen Linken gesammelt hatten, aber eher der Fraktion Sex ´n` Drugs `n `Rock&Roll angehörten. Wobei das mit dem Sex so eine Sache war…

Sex war in den Sechzigerjahren untrennbar verbunden mit der Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft. Die damals katastrophale Folgen für Mädchen und unverheiratete Frauen hatte. Und auch viele Ehefrauen riskierten lieber eine lebensgefährliche illegale Abtreibung, als noch ein weiteres, ungeplantes, Kind zu bekommen.

Und so forderte die Neue Frauenbewegung – noch bevor sie das Thema Sex direkt anging – die Abschaffung des Abtreibungs-Paragraphen. Mit dem Kampf um die Legalisierung der Abtreibung, der Anfang der Siebzigerjahre in fast allen westeuropäischen Staaten und den USA begann, sprachen wir Millionen Frauen an – und wurden so zeitweise zu einer Massenbewegung.

Anfang der Sechzigerjahre kam die Antibabypille auf den Markt. Aber eine junge Frau, die weder verheiratet noch volljährig war, konnte nur mithilfe von Tipps und Tricks an ein Rezept gelangen. Wenn es ihr gelang, verschaffte ihr die Pille eine bis dahin nicht gekannte Freiheit: Sie ermöglichte es ihr, die Verhütung in die eigene Hand zu nehmen und angstfrei Sex zu haben.

Doch auch die neue Freiheit führte nicht immer zu einem Lustgewinn. Viele Männer, einschließlich vieler Anhänger der „Sexuellen Revolution“, verstanden unter Sex: Rammeln. Konkret: Ein schlichtes und schnelles Rein-Raus, das Frauen zutiefst unbefriedigt zurück ließ. Heute werden Feministinnen gerne als verklemmt und lustfeindlich gesehen. Doch als lustfeindlich hatten sich de facto die meisten Männer erwiesen: als feindlich gegenüber der weiblichen Lust.  Als wir Frauen uns endlich die Freiheit nahmen, unsere sexuellen Bedürfnisse zu erkunden und einzufordern, wurde Sex zu einer lustvollen und beglückenden Angelegenheit. Für beide Beteiligten.

Gleichzeitig wurden der Kampf um die Legalisierung der Abtreibung, die praktische Hilfe, die wir relativ bald für ungewollt schwangere Frauen organisierten, und vor allem das – erst zögerliche, dann zunehmend offene – miteinander reden über unsere sexuellen Erfahrungen zur einer Ausgangsbasis für unsere Erfahrung von Sisterhood.

Unsere politische Arbeit im klassischen Sinne war damals weitgehend geprägt vom Nein!. „Weg mit dem Paragrafen 144!“ riefen wir auf den Demos, wir waren gegen das Abtreibungsverbot. Aber wir liefen auf den Demos zusammen über den Ring, wir hatten sie zusammen vorbereitet. Wir hatten zusammen die Flugblätter formuliert, diskutiert, getippt und auf Matrizen abgezogen (für jüngere Leser/innen: PCs gar es noch nicht).

Wir erlebten: Frauen können gemeinsam etwas initiieren, organisieren, durchführen. Und das macht auch noch Spaß! Wir brauchen keine Männer, um eine Demonstration, eine Aktion, ein Teach-in, eine Kundgebung erfolgreich hinzukriegen. Wir können das alles selber. Anders gesagt: Frauen sind klug, mutig, Organisationstalente, Formulierungskünstlerinnen, streitbar  – und humorvoll! Wir kletterten nachts heimlich auf das große Maria-Theresien-Denkmal auf dem Burgring und hängten ihr, die bekanntlich 16 Kinder geboren hatte, ein Plakat gegen den Abtreibungsparagrafen um den Hals.

Die Wut hatte uns zusammengebracht. Die Erfahrung von Sisterhood hielt uns zusammen und inspirierte unsere Arbeit. Unsere Wut galt all den Benachteiligungen und Herabsetzungen, die wir erfuhren. Unsere Begeisterung jedoch entzündete sich an unseren neu entdeckten Fähigkeiten und Ressourcen und an der Freude, mit anderen Frauen zusammen zu sein und etwas zusammen zu unternehmen. Während Simone de Beauvoir in Das andere Geschlecht Frauen noch als wehrlose, männlicher Macht ausgelieferte Opfer darstellt, entdeckten wir als „Täterinnen“, als Frauen, die aktiv für ihre Rechte kämpften, all die Stärken, über die wir verfügten.

Wir lernten einander zu schätzen, zu respektieren, anzuerkennen. Und indem wir einander schätzen lernten, lernte jede einzelne, auch sich selbst zu schätzen. Indem wir begannen, uns selbst als vollwertige menschliche Wesen zu respektieren, begannen wir auch andere Frauen zu respektieren. Was Weiblichkeit bedeutet, wollten wir nun selbst bestimmen.

Wir durchforsteten Geschichtsbücher, Archive, Bibliotheken nach Frauen, die in der Vergangenheit ihre Frau gestanden und etwas Ungewöhnliches vollbracht hatten. Entdeckten Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Komponistinnen, Philosophinnen, Wissenschaftlerinnen, Revolutionärinnen, die von der männlichen Historiografie an den Rand gestellt und dem Vergessen überlassen worden waren. In der Bundesrepublik gründeten Feministinnen Frauenverlage, Frauenbuchläden, Frauengalerien, Frauenbands, feministische Zeitschriften. Wir in Wien hatten unser Zentrum, die Zeitschrift AUF und schließlich auch den Frauenbuchladen in der Lange Gasse.

Wir waren aber nicht nur Aktivistinnen, und es war nicht nur die klassische politische Arbeit, die uns voranbrachte auf unserer Reise zu Selbstbestimmung und Frauen-Power. Wie die Vision von Sisterhood kamen auch die CR-Gruppen (Consciousness Raising = Selbsterfahrungs-Gruppen) aus den USA. Sie stießen hierzulande nicht auf einhellige Begeisterung, es gab Frauen, die sie als „völlig unpolitische Selbstbespiegelung“ oder gar als „esoterisch“ ablehnten. Andere, darunter auch ich selbst, sahen darin eine Bereicherung und Vertiefung unseres Engagements als und für Frauen. Nicht zufällig lautete der Slogan der Neuen Frauenbewegung “Das Private ist politisch“. Und was das hieß, das begriff ich erst wirklich in der CR-Gruppe, die wir in Wien ins Leben riefen.

Da saßen wir politischen Kämpferinnen und sprachen über unsere Mütter. Über unsere erste Regel. Unser „Erstes Mal“. Über Vergewaltigungen und darüber, dass wir uns selbst schuldig fühlten – „Habe ich ihm einen falschen Eindruck vermittelt? Hätte ich nicht mit ihm mit gehen dürfen“… Wir sprachen über Minderwertigkeitsgefühle, die Angst öffentlich zur reden, und sei es nur vor einer kleinen Gruppe, die Verletzungen, die männliche Arroganz in uns auslöste, und, und, und…Wir sprachen über Dinge, die wir höchstens der besten Freundin erzählt hatten. Oder nicht einmal ihr. Wir sprachen über unsere Beziehungen, über Sex…

Diese Gruppensitzungen hatten beträchtliche Folgen. Frauen trennten sich von ihren Männern. Oder handelten die Beziehung neu aus. Erforschten ihre sexuellen Bedürfnisse. Hörten auf, im Bett Theater zu spielen. Oder gestanden sich ihre Liebe zu Frauen ein und zu. Redeten erstmals offen mit ihrer Mutter. Überdachten ihre beruflichen und familiären Entscheidungen neu…

Ich bin mir auch sicher, dass einige der wichtigsten feministischen Erkenntnisse auf den Gesprächen in diesen und ähnlichen Gruppen basieren. Hier konnten wir erkennen, dass unsere Benachteiligung und Herabwürdigung als Frauen nicht nur auf der Macht und dem Ausbeutungsinteresse „der Männer“ oder „des Patriarchats“ beruhten. Sondern auch auf der Verinnerlichung des Patriarchats, seiner Dogmen und Regeln durch Frauen. Dass viele Frauen ihre Herabwürdigung und Verdinglichung – wie unbewusst auch immer – internalisiert hatten. Später, als die ersten Häuser für geschlagene Frauen gegründet wurden, machten die Feministinnen, die sie initiiert hatten und nun darin arbeiteten eine bittere und desillusionierende Feststellung: Frauen, die mit schwersten Verletzungen bei ihnen Zuflucht suchten, kehrten später zu den Männern zurück, die ihnen diese Verletzungen – wiederholt – zugefügt hatten.

Warum das so war, versuchten feministische Psychologinnen, Therapeutinnen und Sozialpädagoginnen herauszufinden. Doch wir ahnten schon damals auf Grund unserer offenen Gespräche in den CR-Gruppen: Die negativen Auswirkungen einer „weiblichen“ Sozialisierung über zig Generationen sind uns unter die Haut gegangen. Und ehe wir uns davon nicht befreit haben, bietet uns die gesetzliche Gleichberechtigung nur die Möglichkeit zu einem gleichberechtigten selbstbestimmten Leben. Das ist schon sehr viel. Doch das Patriarchat unter unserer Haut hindert viele von uns daran, die Möglichkeit wirklich zu ergreifen und dauerhaft zu nutzen.

Wir waren so euphorisch und voller Hoffnung und Zuversicht in diesen ersten Jahren. Dann kamen die ersten Rückschläge und Enttäuschungen, die Einsicht, dass dieser Sprint sich zum Marathon auswächst, dass schon die rein politischen Erfolge so schwer zu erringen sind, und die tieferliegenden Probleme noch viel schwerer zu lösen sind. Es kamen Querelen, Abgrenzungen, Spaltungen, gegenseitige Diffamierungen… Wunden wurden geschlagen, die manchmal bis heute nicht geheilt sind. Und trotzdem: Ich weiß noch immer um den Zauber und die Power von Sisterhood.

Vor der Frauenbewegung dachte ich, starke, mutige, widerständige, rebellische Frauen wären die Ausnahme. Seit unserem Aufbruch, damals, Anfang der Siebzigerjahre sehe ich die Qualitäten von undendlich vielen Frauen, ihren Einfallsreichtum, ihre Kreativität, ihre Zähigkeit, ihren Mut, ihre Fähigkeit zu Freundschaft und Solidarität.

Ich sehe auch den Rollback, der uns gerade um Meilen zurück wirft. Die Mädchen und jungen Frauen, die sich halb oder auch ganz zu Tode hungern; die sich stylen wie Prostituierte bei der Arbeit, weil sie meinen, sie müssten sexy sein, um Anerkennung und Zuwendung zu finden; die Frauen, die ihren Körper als eine Endlos-Baustelle sehen, an der ständig etwas gemacht werden muss: Busen vergrößert, Haare wegrasiert, Falten weggeschnitten, Lippen aufgespritzt, Muskeln auf und Bauch abgebaut, Schamlippen „korrigiert“, Designervagina herbei operiert….

Und dann wird mir klar: Was waren wir Feministinnen aus der Generation der Achtundsechziger, der sexuellen Befreiung, des Summer of Love damals „unschuldig“ und zugleich selbstbewusst! Wir kämpften dagegen, als Sexobjekte wahrgenommen und behandelt zu werden. Und wären im Traum nicht drauf gekommen, uns die „Scham“haare zu rasieren oder gar die Vagina operieren zu lassen, um „sexy“ zu wirken.

Heute, vierzig Jahre nach unserem AUFbruch, bin ich glücklich und stolz, dass ich damals mitten drin war. Es war eine beglückende, aufregende, lebendige, inspirierende Zeit. Wir waren in Wien auch so privilegiert, hier lebten und arbeiteten gleich mehrere großartige Schriftstellerinnen, Friederike Mayröcker, Elfriede Jelinek, Elfriede Gerstl, Künstlerinnen wie Valie EXPORT, Musikerinnen wie Marie Therese Escribano, die Avantgarde war in Wien (auch) weiblich. Christiane Nöstlinger schrieb Kinderbücher, die quer zur Tradition standen, der linke Buchladen wurde von Brigitte Hermann geführt, in der Politik gab es Verbündete wie Johanna Dohnal… Diese Frauen liefen zwar nicht (alle) auf unseren Demos mit, aber sie waren da, sie zeigten: Das können Frauen!

Ich habe in diesen ersten AUF-Jahren miterlebt, wie Frauen mit Bravour gegen alle Regeln verstoßen und Neues erschaffen, wie Frauen sich aufeinander beziehen und aufeinander verlassen, wie Frauen sich zusammen tun, um die Welt zu verändern. Wie Frauen zusammen feiern, tanzen, lachen, sich amüsieren, diskutieren, streiten, einander wertschätzen, trösten, heilen, aus der Hölle holen und miteinander die gewagtesten Luftsprünge machen.

Das habe ich bis heute nicht vergessen. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, selbstverständlich geworden, denn es hat bestätigt, was ich schon als Mädchen wusste: Auch Squaws können Häuptling werden und einander mit den prächtigsten Federn schmücken.

Deshalb können all die späteren Zerwürfnisse unter Feministinnen und auch die Zählebigkeit der patriarchalen Strukturen die Erfahrungen nicht revidieren, die ich damals machte, und die Euphorie nicht zum Erlöschen bringen, in der wir (oder wenigstens viele von uns) damals lebten und handelten.

Copyright: Ingrid Strobl

[1] Ich glaube, es war 1970, es kann auch etwas früher oder später gewesen sein.

Strobls Buchkritik 2

Als Markus Felsmann von „meiner“ Buchhandlung mir Helen Macdonalds H wie Habicht empfahl, winkte ich ab. Dabei liegt er mit seinen Empfehlungen fast immer richtig. Aber Greifvögel? Habicht abrichten? Nein, danke. Nicht wirklich meins. Dann schenkte mir eine Freundin das Buch zum Geburtstag. Um sie nicht zu kränken, begann ich zu lesen. Und das war es dann. Ich versank in einer Geschichte, die, so dachte ich noch eine ganze Weile, „eigentlich“ nichts mit mir zu tun hat. Bloß verdammt gut geschrieben ist.

Ich las, wie man Greifvögel im allgemeinen und Habichte im besonderen abrichtet, sprich: abträgt. Was ein gewisser Terence Hanbury White in den Dreißigerjahren in England dazu geschrieben hat. Was Falkner im europäischen und vorderorientalischen Mittelalter dazu zu sagen hatten. Und konnte nicht aufhören zu lesen.

Ich lernte ein kleines englisches Mädchen kennen, das Falknerin werden wollte. Eine Vatertochter, die diesen seltsamen White las und nicht verstand. Die nun, im Heute des Buches, eine Frau um die vierzig ist, die in der Trauer um ihren verstorbenen Vater versinkt. Sich einen Habicht kauft, ihn Mabel nennt und fortan mit dem Tier lebt. Es abrichtet, mit ihm auf die Jagd geht, zu ihm wird. Als sie begreift, was geschieht, startet sie die Kehrtwende. Entdeckt die Wildnis in der Zivilisation. Bewegt sich, nicht weg vom Habicht, aber zurück zu sich selbst, dem menschlichen Wesen. Zurück zu den anderen Menschen.

Das Kostbare an diesem Buch sind, neben der präzisen und luziden Sprache, seine Klugheit und Psychologie. Helen Macdonalds Erfahrungen als Falknerin, ihre Gefühle, ihr Leben mit Mabel sind voller Widersprüchen, die schließlich erkannt, benannt, reflektiert werden. Eine Frau, die sprichwörtlich keiner Fliege etwas zuleide tun kann, wird zur Komplizin eines Raubvogels, der Kaninchen und Fasane reißt. Der vom Vater und später im Internat gequälte Junge Terence Hanbury White quält als Erwachsener seinen Habicht, den er zum Freund gewinnen möchte. An den sagenumwobenen Landschaften des „alten England“ labt sich auch dunkler Nationalismus…

Es gibt in diesem Buch keine Gewissheiten aber Erkenntnisse, Schmerz, Euphorie, Trauer, Verstrickung, Trennung, eine Idee von Freiheit und Souveränität. Und man lernt, ganz nebenbei, viel über Habichte und die Falknerei.

Muss ich noch sagen, dass „H wie Habicht“ ein großartiges Buch ist?

Helen Macdonald: H wie Habicht, Ullstein Verlag, 20,00 Euro

Strobls Buchkritik 1: Vincent Deary: Wie wir sind

Wenn ein Buch mit einem Motto beginnt, werde ich immer neugierig. Motti sagen viel über die Autorin/den Autor, über ihren/seinen Blick auf Menschen und Dinge, über ihre/seine Kenntnisse, Erfahrungen, Vorlieben, Belesenheit. Wenn nun ein Wissenschaftler seinem Werk die Songzeile You keep saming when you ought to be changing (Lee Hazlewood: These Boots are Made for Walkin´) voran stellt, hat er mich schon an der Angel. Nach der vollständigen Lektüre von „Wie wir sind“ hat Vincent Deary mich süchtig nach mehr gemacht. Und das, obwohl ich gar nicht in allem mit ihm einverstanden bin.

Vincent Deary, Psychotherapeut und Humanwissenschaftler, spricht als Autor Geist und Verstand, Herz und Seele und nicht zuletzt den Humor der Leserin, des Lesers an. Er macht neugierig, rebellisch, hoffnungsvoll und nachdenklich. Er ist anstrengend und beflügelnd, er… Stopp! Erst einmal sagen, worum es geht.

Was gar nicht einfach ist. Im Prinzip geht darum, wie wir uns unsere Gewohnheiten zulegen und uns dann in ihnen einrichten; an ihnen festhalten. Wie wir reagieren, wenn etwas uns zwingt, diese Gewohnheiten aufzugeben, unser bisheriges Leben umzukrempeln, neu zu starten. Wie wir aus dem Neuen so schnell wie möglich wieder Gewohnheiten machen, in denen wir uns  einrichten… Und: Was es in diesem Spiel an Spielräumen gibt. An Ausbruchsmöglichkeiten, Wagnissen, Inspirationen.

All das wird erläutert an Hand von Fachwissen (aus Philosophie, Psychologie, Soziologie, u. a.), von Bildern, Szenen und Zitaten aus Dichtung, Film und Musik und Einsichten der großen Religionen. Und während Deary all sein Material einbringt, reflektiert, prüft, verwirft, hinterfragt, bietet er der Leserin/dem Leser die Schlüsse dar, die er selbst daraus (und aus der eigenen Erfahrung) zieht.

Was mich an diesem Buch mit am meisten fasziniert, ist seine Langsamkeit. Die es auch von der Leserin, dem Leser einfordert. Es liest sich, als würde der Autor – ausgestattet mit seinem großen Wissen und seiner Lebenserfahrung – laut nachdenken. Und dabei äußert er dann wundervolle Sätze wie diesen: „Schon seit Tagen treibt mich um, was es heißt, dass einen etwas umtreibt.“

Ich freue mich schon auf die beiden Folgebände.

Last but least: Das Buch ist ausgezeichnet übersetzt von Gabriele Gockel und Bernhard Jendricke.

Vincent Deary: Wie wir sind, Pattloch Verlag, 19,99 Euro

 

„Geschenkt wurde uns nichts“

Annita Malavasi war 22, als sie sich den Partisanen in den Bergen des Apennin anschloss. Über ein Jahr lang transportierte sie Waffen und Informationen und nahm auch selbst an Gefechten teil. All das gehörte sich nicht für eine italienische Frau, und entsprechend abfällig waren einige der Reaktionen, mit denen sie konfrontiert wurde. Nicht unbedingt von den Partisanen. Aber von denen, die in den Tälern saßen, bei geschlossenen Fenstern Partisanenlieder sangen und behaupteten, die Frauen an der Front seinen Huren.

„Geschenkt wurde uns nichts“, nannte der Filmemacher Eric Esser seinen Dokumentarfilm über Annita Malavasi, Gina Moncigoli und Pierina Bonilauri – ein Film, der bisher bitter gefehlt hat. Darstellungen des Widerstands von Frauen sind insgesamt noch immer rar, aber von der Beteiligung italienischer Frauen am Partisanenkampf wissen in Deutschland quasi nur „Eingeweihte“.

Annita Malavasi und ihre ehemaligen Kampfgefährtinnen haben viel zu erzählen. Sie tun es sehr aufrecht, selbstbewusst, mit einem herben Humor und mit Schmerz in den Augen. Alte Frauen, deren Mut und Engagement im Widerstand gegen die deutsche Besatzung nie adäquat gewürdigt wurden. Auch nicht von den Genossen. Ich kenne ihre Geschichten, ihren Schmerz, ihre Verletztheit und ihren Stolz von anderen Frauen, die in anderen Ländern denselben Kampf ausgefochten hatten: Gegen die deutschen Invasoren und Besatzer. Und gegen den Machismo der eigenen Landsmänner. Und die genauso in Vergessenheit  geraten waren, wie diese Italienerinnen, die nun Eric Esser aus dem Vergessen geholt, vor der Kamera postiert und lange und ausführlich befragt hat.

Es ist ihm gelungen, nicht nur die Geschichte dreier Partisaninnen zu erzählen und damit einen Einblick in die Motivationen und das Engagement vieler anderer zu geben. Er konnte die Frauen auch dazu bewegen, ungeschönt über ihre Gefühle und über sehr persönliche Erfahrungen zu sprechen. Damit verleiht er dem Film eine Tiefe jenseits von Heldinnenverehrung und erweist den Frauen nachträglich die schmerzlich vermisste Würdigung ihres Mutes und ihrer historischen Leistung. Ein wunderbarer Film, dem ich ein großes Publikum wünsche.

„Geschenkt wurde uns nichts“, Deutschbland/Italien 2014, Italienisch mit Untertiteln, 58 Minuten

Mehr dazu: http://makeshiftmovies.info/de/filme/geschenkt-wurde-uns-nichts

 

Gucken: Meine Filme

Und das sind die (die wichtigsten) meiner Filme. Ohne Kommentar. die Titel sprechen für sich:

Die Geschichte der Neuen Frauenbewegung. Dokumentarfilm, 3 x 30 Minuten, Köln (WDR) 2002

Einwanderungsland Deutschland. Dokumentarfilm, 3 x 30 Minuten, Köln (WDR) 2000

Die anderen Heimkehrer. Die Rückkehr der Emigranten nach Deutschland, Dokumentarfilm, 3 x 30 Minuten, Köln (WDR) 1999

Chasias Kinder. Vom Überleben jüdischer Kinder in Polen, Dokumentarfilm, 2 x 30 Minuten, Köln (WDR) 1997

„Sag keinem, wer du bist“. Die Rettung jüdischer Kinder in Belgien, Dokumentarfilm, 55 Minuten, Köln (WDR) 1995

„Mir zeynen do“.Der Ghettoaufstand und die Partisan/inn/en von Bialystok,Dokumentarfilm, 90 Minuten, Köln (KAOS-Film) 1992; WDR 1994; hebräische Fassung: Moreshet – Mordechai Anielevich Study and Research Center, Givat Haviva 1994

 

Lesefutter: Meine Bücher…

„Am besten wäre vermutlich, du fasst deine Bücher in thematischen Blocks zusammen“, meinte Tina Petry, als sie mir das Blog-1×1 erklärte. Gute Idee, aber wie mache ich das? Die meisten meiner Sachbücher handeln von Frauen. Die zum Beispiel:

„Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt. Töchter und der Tod der Mutter“, Fischer Taschenbuch

„Die Angst kam erst danach.“ Jüdische Frauen im Widerstand  in Europa 1938 -1945, Fischer Taschenbuch Verlag

„Es macht die Seele kaputt.“ Junkiefrauen auf dem Strich, Berlin (Orlanda Verlag) 2006.

Eines meiner Sachbücher handelt von Respekt. Dem gegenseitigen, auf  Augenhöhe:

Respekt  – Anders miteinander umgehen, Pattloch Verlag

Zwischendurch habe ich einen Roman geschrieben, den ich immer noch liebe. Weil er (zum Teil) im – Swinging – London der späten Sechzigerjahre spielt…:

Ende der Nacht, Roman, Orlanda Verlag

Und dann habe ich mich, als alte Krimileserin, an das Schreiben von Kriminalromanen gewagt (die Heldinnen sind, klar, Frauen. Und ganz schön heftig). In chronologischer Reihenfolge:

Tödliches Karma, Emons Verlag

Endstation Nippes, Emons Verlag

Nippes Showdown, Emons Verlag

„Dieser Beitrag ist für ein Blog viel zu lang!“ würde Tina jetzt vermutlich sagen. Deshalb packe ich meine Filme in einen neuen Beitrag…