Abenteuer Altwerden 4

Richtig gut am Altwerden gefällt mir, dass ich differenzierter werde. Das geht schon eine ganze Weile so und meint nicht einfach nur „man muss die Dinge differenziert sehen“. Was ich erlebe, ist ein Weiterwerden des Blicks.

Ein Beispiel: Ich bin früher viel schwarz gefahren (liebe KVB, macht euch bitte keine Hoffnungen, alles längst verjährt). Zum einen, weil ich mir oft grade kein Ticket leisten konnte oder kein Kleingeld für den Automaten hatte. Zum andern aber auch, weil ich politisch die Position „Freifahrt für alle!“ vertrat. (Die ich im Prinzip auch heute noch vertrete.)

Fahrkartenkontrolleure, „Kontrolettis“, waren somit meine natürlichen Feinde. Ich verstand auch nicht, wie jemand in diesem Beruf arbeiten konnte. Bäh! Armen Leuten und Ausländern, die das Wie-kriege-ich-hier-ein-Ticket-System noch nicht kapiert haben, eine Geldstrafe aufbrummen – wie kann man nur! Was müssen das für reaktionäre Arschlöcher sein! Und es gab tatsächlich Kontrolleure, denen sah und hörte man an ihrem Ton an, dass es ihnen Freude machte, das fahrscheinlose „Gesindel“ zu erwischen und abzustrafen.

Inzwischen habe ich, wenn ich Bahn fahre, eine Ü-60-Monatskarte in der Tasche und schaue mir die „Kontrolettis“ in aller Ruhe an. Die Sorte, die sich wie Hilfssheriffs aufführte, sehe ich nur noch selten. Dafür junge Leute, die sich vermutlich zum Bafög etwas dazu verdienen müssen. Ältere, deren Rente womöglich nicht zum Leben reicht. Und welche im mittleren Alter, die vielleicht dringend einen Job mit flexiblen Arbeitszeiten brauchen.

Viele sind freundlich. Fragen höflich nach der Fahrkarte. Wenn jemand keine hat, verhalten sie sich weiterhin möglichst freundlich und wirken eher bedauernd als triumphierend. Was ich auch beobachte: In der Bahn steht ein junges Ehepaar mit Kinderwagen, es könnten Flüchtlinge sein. Die beiden merken, dass eine Kontrolleurin auf sie zukommt, schauen sich panisch an und blicken dann zu Boden. Die Kontrolleurin mustert die beiden kurz und geht dann, ohne nach den Tickets zu fragen, an ihnen vorbei. Als sie begreifen, was gerade passiert, sehen sie ihr staunend und dankbar hinterher.

Oder: Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, der eindeutig kein Geld hat, aufgeregt arabisch in sein Handy spricht und erstarrt, als zwei Kontrolleure auf uns zu kommen. Ich zeige ihnen meine Monatskarte – auf die ich abends und am Wochenende jemanden mitnehmen kann, und sage: „Der junge Mann gehört zu mir.“ Ich sehe ihnen an, dass sie mir kein Wort glauben. Aber sie nicken und gehen weiter. Und der junge Mann atmet wieder aus, lächelt mich an, neigt den Kopf vor der freundlichen Oma. (Liebe KVB, noch eins: Solche Kontrolleurinnen und Kontrolleure kosten euch vielleicht ein paar Tickets. Dafür sind sie unbezahlbare Image-Werbung. Die ihr bekanntlich gut gebrauchen könnt.)

So. Und ich alte Ex-Schwarzfahrerin aus Not und Überzeugung freue mich über solche Kontrolleurinnen und Kontrolleure. Und sehe auch in den anderen keine „Kontrolettis“ mehr, sondern Menschen, die einen Job machen, um den sie vielleicht froh sind, weil sie ihn dringend brauchen. Und denen dieser Job nicht immer Freude macht.

Abenteuer Altwerden 3

Mein Rücken hat sich mal wieder gemeldet. Diesmal in der ganz fiesen Version. Ich habe eine wunderbare Osteopathin und weiß, sie wird mir auch diesmal helfen. Ich weiß aber auch: Das wird wiederkommen. Und es wird vermutlich auch noch schlimmer werden.

Und nun? Nun kann ich versuchen, das umzusetzen, was ich inzwischen nicht nur theoretisch (halbwegs) begriffen habe: Es nützt nichts, mich dagegen zu wehren. Es nützt nichts, zu hoffen, dass das doch noch irgendwie wieder heil wird. Alt werden – und sein – bedeutet, dass der Körper nicht mehr so funktioniert, wie wir es gerne hätten. Dass wir nicht mehr alles von ihm verlangen können. Dass er uns Schmerzen bereitet. Nicht unbedingt immer, aber immer wieder.

Okay, Bewegung, möglichst an der frischen Luft, gesunde Ernährung, gezielte Gymnastik oder sonstige Therapien, das kann helfen. Und genauso auch eine liebevolle Beziehung, soziale Kontakte, Freundschaften, ein offener Geist und ein offenes Herz. All das kann das Voranschreiten der Krankheit, des Gebrechens, der Beschwerden vielleicht  verzögern und/oder die Symptome lindern.

Dennoch: Wir alle werden geboren, werden krank und alt und sterben. Das hat nicht nur der Buddha erkannt, das ist empirisch belegt. Die entscheidende Frage ist also nicht: Wie kann ich Krankheit oder eine Verschlimmerung bereits vorhandener Beschwerden und Erkrankungen vermeiden? Die entscheidende Frage ist: Wie gehe ich damit um?

Auf diese Frage haben kluge und erfahrene Menschen ein paar hilfreiche Antworten gefunden. Eine, die vermutlich entscheidende, lautet: Let it be. Lass es sein. Für mich heißt das: Ich akzeptiere, dass ich diese Krankheit, diese Einschränkung habe, und sie wohl nicht mehr weggehen wird. Dass ich also mit ihr leben muss. Und dass es mein Leben leichter macht, wenn ich mit dieser Tatsache nicht hadere, sie oder mich nicht dafür hasse, etc., pp. Sondern mir sage: Okay, so ist es. Was kannst du jetzt Gutes für dich tun?

Humor zum Beispiel hilft immer. Gut ist auch Selbstironie (sofern sie nicht mit bitter-zynischen Kommentaren verwechselt wird). Hilfreich ist es, bei Schmerzen nicht automatisch sofort etwas dagegen unternehmen zu wollen, sondern sie „einfach“ eine Weile zu beobachten, wahrzunehmen, zu spüren. Manchmal vergehen sie dann sogar von selbst. Oder ich stelle fest: Eigentlich kann ich die grade aushalten. Während das Immer-sofort-auf-alles-reagieren mich nur innerlich hektisch macht und die verzweifelte – und sinnlose – Hoffnung aufrecht hält, mit dem richtigen Medikament, der richtigen Bewegung, dem richtigen Trick würde der Schmerz vergehen und nie wiederkommen, die Krankheit doch heilen und überhaupt alles für immer gut werden…

Abenteuer Altwerden 2

Fit, fit, fit. Wenn man schon alt wird, muss man wenigstens fit bleiben. Einige Sportwissenschaftler sind sich da ganz sicher, und natürlich die Hersteller der Dinger, die man sich beim Laufen, Walken oder was auch immer um den Arm schnallen soll, damit die Krankenversicherung weiß, ob sie einem demnächst wegen „zu wenig Gesundheitsvorsorge“ den Beitrag erhöhen kann.

In meiner Jugend war ich Stones-Fan. So absolut und leidenschaftlich, wie man und frau das damals war. Und eigentlich bin ich immer noch Stones-Fan: der Stones von damals. Wenn ich aber sehe, wie Mick Jagger heute auf der Bühne herumturnt, als hätte er zwei Schachteln Speed geschluckt, dann frage ich mich: Warum tut er das? Warum muss er so tun, als wäre er 20 und topfit? Er ist 73. And so what? Mit 73 kann man ein verdammt guter Musiker sein. Keith Richards ist 72, hat das Gesicht eines neunzigjährigen Junkies und bewegt bei Konzerten nur die Finger. Was seinen Riffs keinen Abbruch tut.

Erfahrene Hausärzte sagen: Jeden Tag eine Runde Gehen hält einen beweglich und stärkt das Immunsystem. Das leuchtet mir ein. Und tut mir tatsächlich gut. Aber ich werde den Teufel tun und mich trimmen. Weder für die „Schönheit“, noch, weil es – angeblich – gesund ist. Ich erlaube mir, selbst (und in Absprache mit meiner Hausärztin) zu entscheiden in welchem Maß ich was mache.

Dabei ist der ganze Fitness-im-Alter-Wahn ohnehin eine Blase. Laut Statistik geht nur ein sehr kleiner Prozentsatz der älteren Bevölkerung ins Fitnessstudio, läuft Marathon oder macht irgendwelche Gewaltmärsche durchs Gebirge, durch Wüsten oder was auch immer. Hausärzte klagen viel mehr darüber, dass die Alten sich zu wenig bewegen.

Das kann nun viele Gründe haben. Manche kommen vielleicht wirklich nur nicht aus dem Fernsehsessel hoch. Oder scheuen sich, alleine rauszugehen. Viele aber haben ihr Leben lang geschuftet und sich dabei mehr bewegt als gesund ist. Wer einer Krankenschwester, einem Altenpfleger, einem Bauarbeiter, einer Serviererin über 60 sagt: „Sie sollten sich endlich mehr bewegen“, hat nicht wirklich nachgedacht. Meine Großmutter war Putzfrau. Als sie ihre – winzige – Rente bekam, hat sie es genossen, endlich ihre Ruh zu haben.

Auf Facebook fand ich ein wunderschönes Foto. Es zeigt fünf alte Frauen, die auf einem alten blechernen Kinderkarussell sitzen und sich miteinander unterhalten. Sie erinnern mich an meine Großmutter. Und lieber Mick Jagger, sie sehen so aus, als kämen sie mit dem Altwerden wesentlich besser und stressfreier zurecht als du.

Abenteuer Alt-werden 1

„Seniorin schwer verletzt. 64jährige stürzte gestern…“ Hm. Mal abgesehen davon, dass ich der Frau alles Gute wünsche – Seniorin? Ich bin auch 64, und wenn ich mich als etwas sicher gar nicht fühle, dann als „Seniorin“. Und das nicht nur, weil ich noch voll berufstätig bin. „Seniorin“ ist ohnehin ein Euphemismus. Früher sagte man „Alte“. Oder höflicher: „Alte Dame.“ Eine Dame war ich noch nie, und ich werde auch keine mehr. Dann schon lieber eine „Alte“.

Ich weiß manchmal nicht, wo ich mich einreihen soll. Ich fühle mich nicht „alt“ (whatever that be), habe aber durchaus schon Bekanntschaft geschlossen mit diversen Alters-Malaisen. Ich gehe Berge nicht mehr so fit und zügig hoch wie früher. Ich sehe nicht mehr so gut wie früher. Ich brauche mehr Ruhe, Rückzug, Stille. Es gibt Einschränkungen, mit denen ich mich abzufinden lerne.

Ich bin aber auch offener, erfahrener, gelassener geworden. Ich kann Widersprüche (besser) aushalten. Ich sehe Widersprüche und Nuancen, wo ich früher Klarheit und Eindeutigkeit gebraucht habe. Ich ahne, dass es tatsächlich so etwas wie Altersweisheit gibt. Und finde das sehr schön und erstrebenswert.

Gleichzeitig komme ich manchmal zurück zu einer Schärfe und Klarheit, die mich früher (auch) ausgemacht haben. Die ich nun aber ruhiger und weniger aufgeregt artikulieren kann.

Das Alt-werden hat Nachteile, klar. Es hat aber auch eindeutig Vorteile. Und die verschiedenen Facetten, die es ausmachen, sind oft nicht vorhersehbar. Man ist ja immer noch man selbst, wenn man alt wird. Und zu mir und einem Teil meiner Altersgenossinnen passen zum Beispiel Dauerwellen oder strenge Topffrisuren ebenso wenig wie konservative Kostümchen. Ich trage immer noch meine alten Leder- und Jeansjacken. Weil ich mich wohl darin fühle. Authentisch. Und ich finde, die grauen Haare passen durchaus dazu. Auch wenn sie dünner werden. Ich habe es noch nie gemocht, mich zu „verkleiden“, um für irgendetwas passend auszusehen. Und daran wird sich auch künftig nichts ändern.

Zum Glück bin ich nicht die einzige, die weder mit den gängigen Vorstellungen von Alt-sein noch mit dem gebotoxten und gelifteten Forever-young-Wahn etwas anfangen kann. Auch mein Liebster ist so. Meine Freundinnen sind so. Und noch jede Menge anderer aus meiner Generation, die von den Sechziger- und Siebzigerjahren geprägt wurden – und sie mitgestaltet haben. Wir haben so vieles anders gemacht, damals, und auch später. Und jetzt erfinden wir auch noch das Alter neu. Mal schauen, wie uns das gelingt. Eines weiß ich aber schon: Es ist ein Abenteuer.

Strobls Buchkritik 2

Als Markus Felsmann von „meiner“ Buchhandlung mir Helen Macdonalds H wie Habicht empfahl, winkte ich ab. Dabei liegt er mit seinen Empfehlungen fast immer richtig. Aber Greifvögel? Habicht abrichten? Nein, danke. Nicht wirklich meins. Dann schenkte mir eine Freundin das Buch zum Geburtstag. Um sie nicht zu kränken, begann ich zu lesen. Und das war es dann. Ich versank in einer Geschichte, die, so dachte ich noch eine ganze Weile, „eigentlich“ nichts mit mir zu tun hat. Bloß verdammt gut geschrieben ist.

Ich las, wie man Greifvögel im allgemeinen und Habichte im besonderen abrichtet, sprich: abträgt. Was ein gewisser Terence Hanbury White in den Dreißigerjahren in England dazu geschrieben hat. Was Falkner im europäischen und vorderorientalischen Mittelalter dazu zu sagen hatten. Und konnte nicht aufhören zu lesen.

Ich lernte ein kleines englisches Mädchen kennen, das Falknerin werden wollte. Eine Vatertochter, die diesen seltsamen White las und nicht verstand. Die nun, im Heute des Buches, eine Frau um die vierzig ist, die in der Trauer um ihren verstorbenen Vater versinkt. Sich einen Habicht kauft, ihn Mabel nennt und fortan mit dem Tier lebt. Es abrichtet, mit ihm auf die Jagd geht, zu ihm wird. Als sie begreift, was geschieht, startet sie die Kehrtwende. Entdeckt die Wildnis in der Zivilisation. Bewegt sich, nicht weg vom Habicht, aber zurück zu sich selbst, dem menschlichen Wesen. Zurück zu den anderen Menschen.

Das Kostbare an diesem Buch sind, neben der präzisen und luziden Sprache, seine Klugheit und Psychologie. Helen Macdonalds Erfahrungen als Falknerin, ihre Gefühle, ihr Leben mit Mabel sind voller Widersprüchen, die schließlich erkannt, benannt, reflektiert werden. Eine Frau, die sprichwörtlich keiner Fliege etwas zuleide tun kann, wird zur Komplizin eines Raubvogels, der Kaninchen und Fasane reißt. Der vom Vater und später im Internat gequälte Junge Terence Hanbury White quält als Erwachsener seinen Habicht, den er zum Freund gewinnen möchte. An den sagenumwobenen Landschaften des „alten England“ labt sich auch dunkler Nationalismus…

Es gibt in diesem Buch keine Gewissheiten aber Erkenntnisse, Schmerz, Euphorie, Trauer, Verstrickung, Trennung, eine Idee von Freiheit und Souveränität. Und man lernt, ganz nebenbei, viel über Habichte und die Falknerei.

Muss ich noch sagen, dass „H wie Habicht“ ein großartiges Buch ist?

Helen Macdonald: H wie Habicht, Ullstein Verlag, 20,00 Euro

Sexarbeit? Wo lebt ihr?

To whom it may concern: Ich soll ein Manifest unterschreiben, in dem es unter anderem heißt: „Als Feminist*innen lehnen wir sexistische und frauenfeindliche Formulierungen ab, nach denen Sexarbeiter*innen ´ihre Körper verkaufen´ oder ´sich verkaufen´. Die Andeutung, dass Sex Selbstaufgabe oder den Verlust von sich selbst oder eines Teiles von sich selbst bedeutet, ist zutiefst unfeministisch. Der Wert von Frauen wird durch Sex nicht reduziert.“

Die Verfasserinnen dieses Manifests verwechseln offenbar Sex mit Prostitution. Beziehungsweise umgekehrt. Nur so kann ich mir den Satz „Der Wert von Frauen wird durch Sex nicht reduziert“ erklären. Dieser Satz ist an sich völlig richtig. Und ich füge hinzu: Der Wert der Frau, die als Prostituierte arbeitet, wird durch ihre Arbeit nicht reduziert. Bloß: Sex mit Prostitution gleichzusetzen, das ist etwas völlig anderes. Nur zur Sicherheit, falls Ihnen, den Verfasser/inn/en dieses Manifestes, das wirklich nicht bewusst ist: Die Frau, die mit einem Freier einen sexuellen Akt vollzieht, wird davon weder sexuell erregt noch befriedigt. Prostitution (von Frauen) ist eine sexuelle Handlung zwischen dem, der nimmt und der, die gibt beziehungsweise ihren Körper  zur Verfügung stellt, weil sie dafür eine bestimmte Summe erhält. Wenn das die „feministische“ Interpretation von Sex sein soll, dann weiß ich nicht mehr, was Sie unter Feminismus verstehen.

Richtig ist: Frauen, die als Prostituierte arbeiten, verkaufen nicht sich selbst. Aber haben Sie schon einmal mit Frauen gesprochen, die anschaffen? Beziehungsweise mit denen, also der überwiegenden Mehrheit, die ihre Arbeit nicht ideologisieren, verharmlosen und glorifizieren? Sie werden ihnen sagen, was Prostitution ganz konkret heißt: Fremde Männer stecken ihren Schwanz, ihre Zunge, ihre Finger in alle Körperöffnungen der Frau. Sie waschen sich den Penis nicht, bevor sie einen Blow-Job verlangen, und sie wollen „alle immer ohne Gummi“. Oft wollen sie auch, dass die Frau ihre Ergüsse schluckt. Immer mehr wollen Anal-Sex, für den früher die wenigen Frauen, die dazu bereit waren, deutlich mehr Geld nahmen als für Verkehr. Und der, wenn es nach vielen Freiern geht, heute für sehr viel weniger Geld zum Programm gehören soll.

Was also verkaufen die Frauen, wenn nicht ihren Körper? Sie selbst empfinden es durchaus so, denn fast alle, mit denen ich gesprochen habe (und das sind eine Menge), schrubben sich nach der Arbeit noch nach Jahren ewig unter der Dusche ab.

Meine ersten Begegnungen und Gespräche mit Prostituierten hatte ich 1971, also vor mittlerweile gut 45 Jahren. Seither habe ich immer wieder mit Prostituierten gesprochen und ausführliche Interviews mit ihnen gemacht. Diese Frauen standen/stehen auf dem Straßenstrich, sie haben sich nicht zu etwas hoch gestylt, sie ertragen den „Job“ nur, weil sie keine andere Möglichkeit für sich sehen, und/oder weil sie gerade das Geld dringend brauchen, und/oder weil sie Angst vor ihrem Zuhälter haben, und/oder weil sie ihre Empfindungen mit diversen Tabletten/Drogen oder Alkohol  so weit wie möglich ausknipsen, oder weil sie heroinabhängig sind.

Und was den Rassismus betrifft: Fragen Sie mal nigerianische Frauen, warum sie anschaffen. Und wie gerne sie das tun. Oder eben nicht. Und wer sie dazu warum bringt. Oder gebracht hat.

Die Selbstdarstellung einzelner Prostituierter als Mädels, denen das Spaß macht, und die das total selbstbestimmt tun, hat verschiedene und oft sehr persönliche Gründe. Diese Behauptungen zu übernehmen und zu verallgemeinern aber, ist wahlweise naiv oder berechnend. Bordellbesitzer, Zuhälter und Freier freuen sich darüber. Bloß feministisch ist es nicht.

Noch ein Zitat aus Ihrem Manifest: „Die Verbreitung der Idee, dass die Kund*innen die Körper von Sexarbeitenden ´kauften` – und somit Sexarbeitenden antun könnten, was immer sie wollen – hat gefährliche und reale Folgen für das Leben von Sexarbeiter*innen.“

Nochmal: Sprechen Sie bitte mit ganz normalen Prostituierten. Lesen Sie, was auf Freier-Foren verbreitet wird. Lesen Sie die Service-Angebote von Bordellen. Surfen Sie mal kurz im Netz. Machen Sie die Augen auf. Dann werden Sie erkennen, dass nicht „die Idee, dass die Kund*innen die Körper von Sexarbeitenden ´kauften` – und somit Sexarbeitenden antun könnten, was immer sie wollen“ gefährliche und reale Folgen für das Leben von Prostituierten hat. Sondern dass Männer immer schon ihre sexuellen Gewaltphantasien an Prostituierten ausgelebt haben. Das gehört zum Geschäft.

Und dann schreiben Sie noch: „Sexarbeiter*innen gehörten zu den ersten Feminist*innen der Welt und unsere Gemeinschaft ist ohne sie unvollständig und geschwächt.“ Nein. Sorry. Is nich. Frauen, die tun, was Männer wollen, haben viele Gründe dafür. Aber Feministinnen sind sie deshalb nicht. Waren sie auch nie. Und unsere Gemeinschaft wäre sehr viel stärker, wenn Frauen nicht mehr als Prostituierte arbeiten würden/müssten und Männer sich nicht mehr einreden könnten, sie dürften für ein paar Euro in eine Frau eindringen. Und ihr für ein paar Euro mehr in den Mund pissen. Etc.

Ich bin in einem Punkt mit Ihnen einer Meinung: Ich lehne das „Skandinavische Modell“ ab, das den Kauf sexueller Handlungen für den Käufer unter Strafe stellt. Denn damit werden de facto die Frauen in die Illegalität gedrängt. Diese Gesetzesregelung zwingt sie, in klandestinen Häusern zu arbeiten, in denen sie sowohl den Betreibern dieser Häuser als auch den Freiern ausgeliefert sind. Was daran förderlich ein soll, kann ich nicht erkennen.

Was ich fordere, sind Arbeitsbedingungen, die den Frauen das Leben erleichtern. Vorschläge dafür gibt es schon lange, und auf der Geestemünder Straße in Köln kann frau sich anschauen, wie das für den Straßenstrich geht: Ein ausgeklügeltes und funktionierendes Alarmsystem, Platzverbot für Zuhälter, ein Rückzugsraum, sanitäre Anlagen, Ausgabe von Präservativen, bei Bedarf Beratung. Dazu müsste kommen: Bestimmte Bedingungen für das Betreiben eines Bordells; Verbote von Flat-Rates, Gang-Bangs und ähnlichen Praktiken; menschenwürdige sanitäre Verhältnisse; bezahlbare Zimmerpreise; etc.

Die Alternativen sind nicht Verbot oder Glorifizierung/Verharmlosung der Prostitution. Die Alternative ist erst mal ein im Sinne der dort arbeitenden Frauen funktionierender Pragmatismus.

Ansonsten träume ich weiter: Von einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichwertige Wesen sind und sich als solche begegnen. Von einer Gesellschaft, in der Männer nicht mehr meinen, sie hätten das Recht, sich Sex mit einer Frau zu kaufen. Und in der Frauen sich durch  nichts und niemanden gezwungen sehen, ihren Körper für die Benutzung durch Männer zur Verfügung zu stellen.