Ausreden

Paul (er heißt anders, aber ich nenne ihn jetzt mal Paul) steht wie immer vor dem Supermarkt, Becher in der geschwollenen Hand. Ich gebe ihm wie immer einen Euro und frage, wie es ihm geht. „Scheiße“, sagt er. „Wohnung kann ich mir abschminken, die Wohnungen kriegen jetzt alle die Flüchtlinge.“ Ich frage ihn, wo er das herhat. – „Das sagt dir jeder!“ Ich erwidere, dass das so nicht stimmt. Aber Paul hört schon nicht mehr hin. Er muss ganz schnell noch ein paar Euro zusammen kriegen, bevor die Notschlafstelle dicht macht.
Paul ist kein Nazi und wird wohl auch keiner. Er hat mitbekommen, wie Nazis einen anderen Wohnungslosen halb totgeschlagen haben. Aber er lebt jetzt mit dem vermeintlichen „Wissen“: Für die Flüchtlinge reißen sie sich den Arsch auf. Und unsereiner zahlt drauf. Wie immer.
Nächstes Mal, wenn ich ihn treffe werde ich ihm sagen: Die Stadt Köln hat den sozialen Wohnungsbau auf fast Null heruntergefahren. Und einen Großteil der kommunalen Wohnungen verkauft. An Private, die nur an ihrem Profit interessiert sind. Es gibt kaum noch erschwingliche Wohnungen in dieser Stadt. Du würdest auch ohne Flüchtlinge nur schwer eine Wohnung finden.
Die Armen in Deutschland werden zunehmend ignoriert. Ihre Zahl wird statistisch kleingeredet. Aber zweieinhalb Millionen Kinder wachsen hier in Armut auf. Ist das wenig? Lehrer/innen, Sozialarbeiter/innen, Kinderärztinnen und –Ärzte wissen, wie diese Kinder – und ihre Eltern – leben. Unter welchen Bedingungen. Wie sich das auf sie auswirkt. Ein Gutteil der Mittel- und Oberschicht aber begegnet armen Menschen höchstens im Fernsehen. Und ich nehme an, so manchen und manche von ihnen zieht das Mitgefühl eher zu dem sympathischen syrischen Arzt hin, zu dessen Frau, die Lehrerin ist und der wohlerzogene Tochter. Und weniger zu der müden, auch mal ruppigen Alleinerziehenden, die mit drei Minijobs versucht, sich und die Kinder durchzubringen, und sich Sorgen macht, weil ihr Sohn neuerdings mit Jungs rumhängt, die ihr gar nicht gefallen.
Es gibt auch im aktuellen Engagement für Flüchtlinge Gefühle und Verhaltensweisen, die in der Klassenzugehörigkeit gründen und sich nach ihr richten. Sowohl in Bezug auf die, die hierher flüchten, als auch auf die, die hier heimisch sind. Eine Frau aus dem Kosovo, die arm aussieht, arm ist, schon immer arm war und kein Wort Englisch oder Deutsch spricht, löst selten eine Woge der Hilfsbereitschaft aus (wobei es durchaus Leute gibt, die grade auch Menschen wie ihr beistehen). Dasselbe gilt für eine deutsche Hartz-IV-Empfängerin und einen türkischstämmigen Jungen ohne Schulabschluss.
Wenn in Bezug auf „unsere“ Armen überhaupt Sorge aufkommt, dann die, arme Deutsche könnten sich von den Nazis verführen und gegen Flüchtlinge aufhetzen lassen. Was durchaus vorkommt. Aber vielleicht (zumindest im Westen) nicht ganz so oft, wie manche/r fantasiert. Dabei wäre es so schön: Schuld am Erstarken der Nazis wären dann nicht die Damen und Herren, die daran ein Interesse haben und diese Herrschaften unterstützen. Schuld wären nicht Politiker, die täglich die Katastrophe herbeireden und damit dunkelste Ressentiments schüren und stärken. Schuld wären auch nicht hunderte Jahre Kolonialismus, Postkolonialismus, Ausbeutung der Dritten Welt, Kameradie mit ölfördernden Diktatoren, etc., also all das, was dazu geführt hat, dass heute Millionen Menschen aus dem Mittleren Osten und Afrika aus ihrer Heimat flüchten müssen. Nein, Schuld wären die Armen in Deutschland, die den Nazis auf den Leim gehen.
Meine Bitte: Keine einfachen Ausreden. Keine unbewusste Klassenselektion bei den Flüchtlingen. Auch in Richtung Armut in Deutschland gucken. Flüchtlinge nicht gegen Arme ausspielen und umgekehrt.