„Die Angst kam erst danach“

„Um die Angst haben wir uns nicht gekümmert“, sagte mir Yvonne Jospa in einem Interview. „Die Angst kam erst danach.“ Yvonne Jospa war Anfang der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts aus Bessarabien nach Belgien migriert, um Soziologie zu studieren. Nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 schloss sie sich dem Widerstand an. Und war schließlich im Comité de défense des juifs, dem Jüdischen Selbstschutzkomitee, verantwortlich für die Aktionen zur Rettung der Kinder.

An die 2.700 jüdische Mädchen und Jungen konnten Yvonne Jospa und ihre Mitstreiterinnen vor der Deportation bewahren –  mit Hilfe der nichtjüdischen belgischen Bevölkerung. All das ist kaum bekannt. Selbst in Belgien wissen nur wenige darüber Bescheid. Ich habe Yvonne Jospa und einige ihrer Kameradinnen in den Neunzigerjahren für mein Buch über Frauen im jüdischen Widerstand interviewt. Und dann noch einmal für meinen Dokumentarfilm über die Rettung jüdischer Kinder in Belgien. Und nun habe ich aus diesen Geschichten eine Hörfunksendung gemacht. Nach dem Motto: Man kann das gar nicht oft genug erzählen.

Ich wusste nicht, wie recht ich hatte. Als wir gestern Nacht mit der Produktion fertig waren, sagte der Tontechniker: „Das ist schon interessant. Über all das hab ich nie etwas gehört. Und auch, ja, man spricht immer über die Toten. Aber wie es denen ergangen ist, die überlebt haben…“

Im besetzten Belgien weigerten sich Bürgermeister, den gelben Stern auszugeben. Polizisten halfen versteckten Juden. Meldeämter stellten dem jüdischen Widerstand echte Formulare für falsche Papiere zur Verfügung. Hunderte Internate, Heime, Sanatorien, Klöster und Privatpersonen waren bereit, jüdische Kinder zu verstecken. Und manchmal reagierten Leute instinktiv und ohne nachzufragen genau richtig.

Yvonne Jospa erfuhr zum Beispiel eines Morgens, dass am Bahnhof Luxembourg eine Gruppe Kinder wartete, die sofort jemand übernehmen musste. „Ich stieg in die Straßenbahn“, erzählte sie mir, „ging vor zum Fahrer und sagte: ´Ich muss so schnell wie möglich an der Gare du Luxemburg sein.` Das war alles, mehr habe ich nicht gesagt. Er fuhr an mehreren Stationen durch ohne anzuhalten. Und an der Gare du Luxemburg sagte er nur: ´Wir sind da.` Ich stieg aus, ich weiß nicht einmal mehr, ob ich mich bei ihm bedankt habe.“

Ich bin sicher, sie hat. Es würde zu ihr passen. Yvonne riskierte den ganzen Krieg über ständig ihr Leben – wie alle ihre Mitstreiterinnen im Jüdischen Selbstschutzkomitee. Nach der Befreiung kümmerte sie sich weiter um die versteckten Kinder: Versuchte herauszufinden, ob die Eltern überlebt hatten, oder Verwandte, bei denen das Kind unterkommen konnte, in initiierte Heime für die Waisen… Und als diese Arbeit getan war, gründete – und leitete – sie MRAX, Le Mouvement contre le racisme, l´antisémitisme et la xénophobie: Die Bewegung gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Die sich später auf die Hilfe für Flüchtlinge spezialisierte.

Mehr zu Yvonne Jospa, ihren Mitstreiterinnen und die versteckten jüdischen Kinder:

„Wir haben viel Hilfe bekommen“.

Die Rettung jüdischer Kinder in Belgien

WDR5 Neugier genügt

  1. Dezember 2014, 10:05 Uhr (kurz nach Sendebeginn)

Link zum nachhören: http://www1.wdr.de/radio/podcasts/wdr5/neugier_genuegt100.html

Und:

Ingrid Strobl: Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939 – 1945, Fischer TB

 

 

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