Kopftuch und Slip

Als ich für mein Buch über die Prostituierten auf dem Kölner Drogenstrich recherchierte, sprach ich jeden Abend mit Frauen, die dünne schwarze Strumpfhosen trugen und darüber extra kurze Shorts. Für die Frauen war das ihre Arbeitskleidung. Im Privatleben trugen sie normale Röcke oder Jeans.

Wenn ich heute die Straße entlang gehe, könnte ich meinen, der Strich habe sich verlagert. Hat er aber nicht. Die vermeintlichen Prostituierten sind Mädchen und junge Frauen, die in Shorts herumlaufen, die aussehen wie Slips und über, je nach Jahreszeit, nackten Beinen oder mehr oder weniger dünnen schwarzen Strumpfhosen getragen werden. Der „Rest“ dieser Mädchen und Frauen aber, vom Gesichtsausdruck bis zu den Turnschuhen, erweckt eher den Eindruck, sie hätten vergessen, sich morgens die Hose oder den Rock anzuziehen. Doch auch dieser Eindruck ist meistens falsch. Richtig ist offenbar: diese Mädchen und Frauen finden ihr Styling cool. Oder sie denken zumindest, sie müssten es cool finden. Sie müssten sich sexy stylen.

Und ich frage mich, warum sie das denken. Warum sie meinen, sie müssten sich, ohne Not, der Umwelt und damit eben auch der Männerwelt präsentieren wie Frauen, die in dieser Aufmachung ihr Geld verdienen müssen. Dieselben jungen Frauen und ihre Mütter sind aber durchaus imstande, sich endlos darüber aufzuregen, dass muslimische Frauen ein Kopftuch tragen.

Und auch Frauen, die keine Slips auf der Straße tragen, und die im Traum nicht daran denken, das zu tun, Feministinnen zum Beispiel, aber nicht nur Feministinnen, regen sich gerne über das Kopftuch auf. Es ist ein Signal der Unterwerfung, sagen sie. Es bedeutet: Frauen haben sich zu verhüllen, damit Männer nicht in Versuchung geraten. Was nach der ursprünglichen religiösen Sichtweise und der Auffassung vieler Muslime wohl auch zutrifft. (Meine Freundin Semiha allerdings trägt das Kopftuch aus was weiß ich für Gründen, aber ganz sicher nicht, um Männern ihre Unterwerfung zu signalisieren. Und da ist sie nicht die einzige. Aber das jetzt mal beiseite.)

Was mich so erstaunt, ist, dass viele Frauen und auch Medien, die sich über das Kopftuch als Instrument der Unterdrückung von Frauen echauffieren, sich kaum darüber aufregen, dass junge Frauen sich präsentieren wie Prostituierte bei der Arbeit. Und damit gleichfalls und noch sehr viel deutlicher und eindeutiger ihre Unterwerfung signalisieren: Ich stehe zur Verfügung! Und zwar auch dann, wenn sie das gar nicht meinen und entsetzt wären, würde ein Mann es so interpretieren.

Das sexy Styling und oft auch das Kopftuch laufen aktuell bei jungen Frauen unter dem Aspekt Mode. Junge selbstbewusste muslimische Frauen tragen Kopftücher in todschicken Varianten, und selbstbewusste nichtmuslimische Studentinnen stylen sich wie für den Straßenstrich, weil das eine wie das andere gerade angesagt ist. Was jedoch nichts an der Tatsache ändert, dass beides, das Verhüllen des Haars einer Frau (egal, in welcher Religion), wie auch die Enthüllung bestimmter Körperpartien Signale der Unterwerfung sind. Die nicht wenige Männer auch ganz direkt als solche interpretieren.

Und ich frage mich, warum junge Frauen heute meinen, sie müssten sich als Sexobjekte präsentieren. Warum das als normal gilt. Warum offenbar viele, nicht nur junge, Frauen nicht begreifen, dass das für das Selbstbild von Frauen und für das Bild, das Männer sich von Frauen machen, mindestens so fatal, wenn nicht noch fataler ist, als das Tragen eines Kopftuchs. Und ich würde mir wünschen, dass Frauen und Mädchen, die für sich selbst das eine wie das andere ablehnen, ihre Stimme zu beiden Themen erheben.

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