Abenteuer Altwerden 3

Mein Rücken hat sich mal wieder gemeldet. Diesmal in der ganz fiesen Version. Ich habe eine wunderbare Osteopathin und weiß, sie wird mir auch diesmal helfen. Ich weiß aber auch: Das wird wiederkommen. Und es wird vermutlich auch noch schlimmer werden.

Und nun? Nun kann ich versuchen, das umzusetzen, was ich inzwischen nicht nur theoretisch (halbwegs) begriffen habe: Es nützt nichts, mich dagegen zu wehren. Es nützt nichts, zu hoffen, dass das doch noch irgendwie wieder heil wird. Alt werden – und sein – bedeutet, dass der Körper nicht mehr so funktioniert, wie wir es gerne hätten. Dass wir nicht mehr alles von ihm verlangen können. Dass er uns Schmerzen bereitet. Nicht unbedingt immer, aber immer wieder.

Okay, Bewegung, möglichst an der frischen Luft, gesunde Ernährung, gezielte Gymnastik oder sonstige Therapien, das kann helfen. Und genauso auch eine liebevolle Beziehung, soziale Kontakte, Freundschaften, ein offener Geist und ein offenes Herz. All das kann das Voranschreiten der Krankheit, des Gebrechens, der Beschwerden vielleicht  verzögern und/oder die Symptome lindern.

Dennoch: Wir alle werden geboren, werden krank und alt und sterben. Das hat nicht nur der Buddha erkannt, das ist empirisch belegt. Die entscheidende Frage ist also nicht: Wie kann ich Krankheit oder eine Verschlimmerung bereits vorhandener Beschwerden und Erkrankungen vermeiden? Die entscheidende Frage ist: Wie gehe ich damit um?

Auf diese Frage haben kluge und erfahrene Menschen ein paar hilfreiche Antworten gefunden. Eine, die vermutlich entscheidende, lautet: Let it be. Lass es sein. Für mich heißt das: Ich akzeptiere, dass ich diese Krankheit, diese Einschränkung habe, und sie wohl nicht mehr weggehen wird. Dass ich also mit ihr leben muss. Und dass es mein Leben leichter macht, wenn ich mit dieser Tatsache nicht hadere, sie oder mich nicht dafür hasse, etc., pp. Sondern mir sage: Okay, so ist es. Was kannst du jetzt Gutes für dich tun?

Humor zum Beispiel hilft immer. Gut ist auch Selbstironie (sofern sie nicht mit bitter-zynischen Kommentaren verwechselt wird). Hilfreich ist es, bei Schmerzen nicht automatisch sofort etwas dagegen unternehmen zu wollen, sondern sie „einfach“ eine Weile zu beobachten, wahrzunehmen, zu spüren. Manchmal vergehen sie dann sogar von selbst. Oder ich stelle fest: Eigentlich kann ich die grade aushalten. Während das Immer-sofort-auf-alles-reagieren mich nur innerlich hektisch macht und die verzweifelte – und sinnlose – Hoffnung aufrecht hält, mit dem richtigen Medikament, der richtigen Bewegung, dem richtigen Trick würde der Schmerz vergehen und nie wiederkommen, die Krankheit doch heilen und überhaupt alles für immer gut werden…

Abenteuer Altwerden 2

Fit, fit, fit. Wenn man schon alt wird, muss man wenigstens fit bleiben. Einige Sportwissenschaftler sind sich da ganz sicher, und natürlich die Hersteller der Dinger, die man sich beim Laufen, Walken oder was auch immer um den Arm schnallen soll, damit die Krankenversicherung weiß, ob sie einem demnächst wegen „zu wenig Gesundheitsvorsorge“ den Beitrag erhöhen kann.

In meiner Jugend war ich Stones-Fan. So absolut und leidenschaftlich, wie man und frau das damals war. Und eigentlich bin ich immer noch Stones-Fan: der Stones von damals. Wenn ich aber sehe, wie Mick Jagger heute auf der Bühne herumturnt, als hätte er zwei Schachteln Speed geschluckt, dann frage ich mich: Warum tut er das? Warum muss er so tun, als wäre er 20 und topfit? Er ist 73. And so what? Mit 73 kann man ein verdammt guter Musiker sein. Keith Richards ist 72, hat das Gesicht eines neunzigjährigen Junkies und bewegt bei Konzerten nur die Finger. Was seinen Riffs keinen Abbruch tut.

Erfahrene Hausärzte sagen: Jeden Tag eine Runde Gehen hält einen beweglich und stärkt das Immunsystem. Das leuchtet mir ein. Und tut mir tatsächlich gut. Aber ich werde den Teufel tun und mich trimmen. Weder für die „Schönheit“, noch, weil es – angeblich – gesund ist. Ich erlaube mir, selbst (und in Absprache mit meiner Hausärztin) zu entscheiden in welchem Maß ich was mache.

Dabei ist der ganze Fitness-im-Alter-Wahn ohnehin eine Blase. Laut Statistik geht nur ein sehr kleiner Prozentsatz der älteren Bevölkerung ins Fitnessstudio, läuft Marathon oder macht irgendwelche Gewaltmärsche durchs Gebirge, durch Wüsten oder was auch immer. Hausärzte klagen viel mehr darüber, dass die Alten sich zu wenig bewegen.

Das kann nun viele Gründe haben. Manche kommen vielleicht wirklich nur nicht aus dem Fernsehsessel hoch. Oder scheuen sich, alleine rauszugehen. Viele aber haben ihr Leben lang geschuftet und sich dabei mehr bewegt als gesund ist. Wer einer Krankenschwester, einem Altenpfleger, einem Bauarbeiter, einer Serviererin über 60 sagt: „Sie sollten sich endlich mehr bewegen“, hat nicht wirklich nachgedacht. Meine Großmutter war Putzfrau. Als sie ihre – winzige – Rente bekam, hat sie es genossen, endlich ihre Ruh zu haben.

Auf Facebook fand ich ein wunderschönes Foto. Es zeigt fünf alte Frauen, die auf einem alten blechernen Kinderkarussell sitzen und sich miteinander unterhalten. Sie erinnern mich an meine Großmutter. Und lieber Mick Jagger, sie sehen so aus, als kämen sie mit dem Altwerden wesentlich besser und stressfreier zurecht als du.

Abenteuer Alt-werden 1

„Seniorin schwer verletzt. 64jährige stürzte gestern…“ Hm. Mal abgesehen davon, dass ich der Frau alles Gute wünsche – Seniorin? Ich bin auch 64, und wenn ich mich als etwas sicher gar nicht fühle, dann als „Seniorin“. Und das nicht nur, weil ich noch voll berufstätig bin. „Seniorin“ ist ohnehin ein Euphemismus. Früher sagte man „Alte“. Oder höflicher: „Alte Dame.“ Eine Dame war ich noch nie, und ich werde auch keine mehr. Dann schon lieber eine „Alte“.

Ich weiß manchmal nicht, wo ich mich einreihen soll. Ich fühle mich nicht „alt“ (whatever that be), habe aber durchaus schon Bekanntschaft geschlossen mit diversen Alters-Malaisen. Ich gehe Berge nicht mehr so fit und zügig hoch wie früher. Ich sehe nicht mehr so gut wie früher. Ich brauche mehr Ruhe, Rückzug, Stille. Es gibt Einschränkungen, mit denen ich mich abzufinden lerne.

Ich bin aber auch offener, erfahrener, gelassener geworden. Ich kann Widersprüche (besser) aushalten. Ich sehe Widersprüche und Nuancen, wo ich früher Klarheit und Eindeutigkeit gebraucht habe. Ich ahne, dass es tatsächlich so etwas wie Altersweisheit gibt. Und finde das sehr schön und erstrebenswert.

Gleichzeitig komme ich manchmal zurück zu einer Schärfe und Klarheit, die mich früher (auch) ausgemacht haben. Die ich nun aber ruhiger und weniger aufgeregt artikulieren kann.

Das Alt-werden hat Nachteile, klar. Es hat aber auch eindeutig Vorteile. Und die verschiedenen Facetten, die es ausmachen, sind oft nicht vorhersehbar. Man ist ja immer noch man selbst, wenn man alt wird. Und zu mir und einem Teil meiner Altersgenossinnen passen zum Beispiel Dauerwellen oder strenge Topffrisuren ebenso wenig wie konservative Kostümchen. Ich trage immer noch meine alten Leder- und Jeansjacken. Weil ich mich wohl darin fühle. Authentisch. Und ich finde, die grauen Haare passen durchaus dazu. Auch wenn sie dünner werden. Ich habe es noch nie gemocht, mich zu „verkleiden“, um für irgendetwas passend auszusehen. Und daran wird sich auch künftig nichts ändern.

Zum Glück bin ich nicht die einzige, die weder mit den gängigen Vorstellungen von Alt-sein noch mit dem gebotoxten und gelifteten Forever-young-Wahn etwas anfangen kann. Auch mein Liebster ist so. Meine Freundinnen sind so. Und noch jede Menge anderer aus meiner Generation, die von den Sechziger- und Siebzigerjahren geprägt wurden – und sie mitgestaltet haben. Wir haben so vieles anders gemacht, damals, und auch später. Und jetzt erfinden wir auch noch das Alter neu. Mal schauen, wie uns das gelingt. Eines weiß ich aber schon: Es ist ein Abenteuer.

Strobls Buchkritik 2

Als Markus Felsmann von „meiner“ Buchhandlung mir Helen Macdonalds H wie Habicht empfahl, winkte ich ab. Dabei liegt er mit seinen Empfehlungen fast immer richtig. Aber Greifvögel? Habicht abrichten? Nein, danke. Nicht wirklich meins. Dann schenkte mir eine Freundin das Buch zum Geburtstag. Um sie nicht zu kränken, begann ich zu lesen. Und das war es dann. Ich versank in einer Geschichte, die, so dachte ich noch eine ganze Weile, „eigentlich“ nichts mit mir zu tun hat. Bloß verdammt gut geschrieben ist.

Ich las, wie man Greifvögel im allgemeinen und Habichte im besonderen abrichtet, sprich: abträgt. Was ein gewisser Terence Hanbury White in den Dreißigerjahren in England dazu geschrieben hat. Was Falkner im europäischen und vorderorientalischen Mittelalter dazu zu sagen hatten. Und konnte nicht aufhören zu lesen.

Ich lernte ein kleines englisches Mädchen kennen, das Falknerin werden wollte. Eine Vatertochter, die diesen seltsamen White las und nicht verstand. Die nun, im Heute des Buches, eine Frau um die vierzig ist, die in der Trauer um ihren verstorbenen Vater versinkt. Sich einen Habicht kauft, ihn Mabel nennt und fortan mit dem Tier lebt. Es abrichtet, mit ihm auf die Jagd geht, zu ihm wird. Als sie begreift, was geschieht, startet sie die Kehrtwende. Entdeckt die Wildnis in der Zivilisation. Bewegt sich, nicht weg vom Habicht, aber zurück zu sich selbst, dem menschlichen Wesen. Zurück zu den anderen Menschen.

Das Kostbare an diesem Buch sind, neben der präzisen und luziden Sprache, seine Klugheit und Psychologie. Helen Macdonalds Erfahrungen als Falknerin, ihre Gefühle, ihr Leben mit Mabel sind voller Widersprüchen, die schließlich erkannt, benannt, reflektiert werden. Eine Frau, die sprichwörtlich keiner Fliege etwas zuleide tun kann, wird zur Komplizin eines Raubvogels, der Kaninchen und Fasane reißt. Der vom Vater und später im Internat gequälte Junge Terence Hanbury White quält als Erwachsener seinen Habicht, den er zum Freund gewinnen möchte. An den sagenumwobenen Landschaften des „alten England“ labt sich auch dunkler Nationalismus…

Es gibt in diesem Buch keine Gewissheiten aber Erkenntnisse, Schmerz, Euphorie, Trauer, Verstrickung, Trennung, eine Idee von Freiheit und Souveränität. Und man lernt, ganz nebenbei, viel über Habichte und die Falknerei.

Muss ich noch sagen, dass „H wie Habicht“ ein großartiges Buch ist?

Helen Macdonald: H wie Habicht, Ullstein Verlag, 20,00 Euro

Sexarbeit? Wo lebt ihr?

To whom it may concern: Ich soll ein Manifest unterschreiben, in dem es unter anderem heißt: „Als Feminist*innen lehnen wir sexistische und frauenfeindliche Formulierungen ab, nach denen Sexarbeiter*innen ´ihre Körper verkaufen´ oder ´sich verkaufen´. Die Andeutung, dass Sex Selbstaufgabe oder den Verlust von sich selbst oder eines Teiles von sich selbst bedeutet, ist zutiefst unfeministisch. Der Wert von Frauen wird durch Sex nicht reduziert.“

Die Verfasserinnen dieses Manifests verwechseln offenbar Sex mit Prostitution. Beziehungsweise umgekehrt. Nur so kann ich mir den Satz „Der Wert von Frauen wird durch Sex nicht reduziert“ erklären. Dieser Satz ist an sich völlig richtig. Und ich füge hinzu: Der Wert der Frau, die als Prostituierte arbeitet, wird durch ihre Arbeit nicht reduziert. Bloß: Sex mit Prostitution gleichzusetzen, das ist etwas völlig anderes. Nur zur Sicherheit, falls Ihnen, den Verfasser/inn/en dieses Manifestes, das wirklich nicht bewusst ist: Die Frau, die mit einem Freier einen sexuellen Akt vollzieht, wird davon weder sexuell erregt noch befriedigt. Prostitution (von Frauen) ist eine sexuelle Handlung zwischen dem, der nimmt und der, die gibt beziehungsweise ihren Körper  zur Verfügung stellt, weil sie dafür eine bestimmte Summe erhält. Wenn das die „feministische“ Interpretation von Sex sein soll, dann weiß ich nicht mehr, was Sie unter Feminismus verstehen.

Richtig ist: Frauen, die als Prostituierte arbeiten, verkaufen nicht sich selbst. Aber haben Sie schon einmal mit Frauen gesprochen, die anschaffen? Beziehungsweise mit denen, also der überwiegenden Mehrheit, die ihre Arbeit nicht ideologisieren, verharmlosen und glorifizieren? Sie werden ihnen sagen, was Prostitution ganz konkret heißt: Fremde Männer stecken ihren Schwanz, ihre Zunge, ihre Finger in alle Körperöffnungen der Frau. Sie waschen sich den Penis nicht, bevor sie einen Blow-Job verlangen, und sie wollen „alle immer ohne Gummi“. Oft wollen sie auch, dass die Frau ihre Ergüsse schluckt. Immer mehr wollen Anal-Sex, für den früher die wenigen Frauen, die dazu bereit waren, deutlich mehr Geld nahmen als für Verkehr. Und der, wenn es nach vielen Freiern geht, heute für sehr viel weniger Geld zum Programm gehören soll.

Was also verkaufen die Frauen, wenn nicht ihren Körper? Sie selbst empfinden es durchaus so, denn fast alle, mit denen ich gesprochen habe (und das sind eine Menge), schrubben sich nach der Arbeit noch nach Jahren ewig unter der Dusche ab.

Meine ersten Begegnungen und Gespräche mit Prostituierten hatte ich 1971, also vor mittlerweile gut 45 Jahren. Seither habe ich immer wieder mit Prostituierten gesprochen und ausführliche Interviews mit ihnen gemacht. Diese Frauen standen/stehen auf dem Straßenstrich, sie haben sich nicht zu etwas hoch gestylt, sie ertragen den „Job“ nur, weil sie keine andere Möglichkeit für sich sehen, und/oder weil sie gerade das Geld dringend brauchen, und/oder weil sie Angst vor ihrem Zuhälter haben, und/oder weil sie ihre Empfindungen mit diversen Tabletten/Drogen oder Alkohol  so weit wie möglich ausknipsen, oder weil sie heroinabhängig sind.

Und was den Rassismus betrifft: Fragen Sie mal nigerianische Frauen, warum sie anschaffen. Und wie gerne sie das tun. Oder eben nicht. Und wer sie dazu warum bringt. Oder gebracht hat.

Die Selbstdarstellung einzelner Prostituierter als Mädels, denen das Spaß macht, und die das total selbstbestimmt tun, hat verschiedene und oft sehr persönliche Gründe. Diese Behauptungen zu übernehmen und zu verallgemeinern aber, ist wahlweise naiv oder berechnend. Bordellbesitzer, Zuhälter und Freier freuen sich darüber. Bloß feministisch ist es nicht.

Noch ein Zitat aus Ihrem Manifest: „Die Verbreitung der Idee, dass die Kund*innen die Körper von Sexarbeitenden ´kauften` – und somit Sexarbeitenden antun könnten, was immer sie wollen – hat gefährliche und reale Folgen für das Leben von Sexarbeiter*innen.“

Nochmal: Sprechen Sie bitte mit ganz normalen Prostituierten. Lesen Sie, was auf Freier-Foren verbreitet wird. Lesen Sie die Service-Angebote von Bordellen. Surfen Sie mal kurz im Netz. Machen Sie die Augen auf. Dann werden Sie erkennen, dass nicht „die Idee, dass die Kund*innen die Körper von Sexarbeitenden ´kauften` – und somit Sexarbeitenden antun könnten, was immer sie wollen“ gefährliche und reale Folgen für das Leben von Prostituierten hat. Sondern dass Männer immer schon ihre sexuellen Gewaltphantasien an Prostituierten ausgelebt haben. Das gehört zum Geschäft.

Und dann schreiben Sie noch: „Sexarbeiter*innen gehörten zu den ersten Feminist*innen der Welt und unsere Gemeinschaft ist ohne sie unvollständig und geschwächt.“ Nein. Sorry. Is nich. Frauen, die tun, was Männer wollen, haben viele Gründe dafür. Aber Feministinnen sind sie deshalb nicht. Waren sie auch nie. Und unsere Gemeinschaft wäre sehr viel stärker, wenn Frauen nicht mehr als Prostituierte arbeiten würden/müssten und Männer sich nicht mehr einreden könnten, sie dürften für ein paar Euro in eine Frau eindringen. Und ihr für ein paar Euro mehr in den Mund pissen. Etc.

Ich bin in einem Punkt mit Ihnen einer Meinung: Ich lehne das „Skandinavische Modell“ ab, das den Kauf sexueller Handlungen für den Käufer unter Strafe stellt. Denn damit werden de facto die Frauen in die Illegalität gedrängt. Diese Gesetzesregelung zwingt sie, in klandestinen Häusern zu arbeiten, in denen sie sowohl den Betreibern dieser Häuser als auch den Freiern ausgeliefert sind. Was daran förderlich ein soll, kann ich nicht erkennen.

Was ich fordere, sind Arbeitsbedingungen, die den Frauen das Leben erleichtern. Vorschläge dafür gibt es schon lange, und auf der Geestemünder Straße in Köln kann frau sich anschauen, wie das für den Straßenstrich geht: Ein ausgeklügeltes und funktionierendes Alarmsystem, Platzverbot für Zuhälter, ein Rückzugsraum, sanitäre Anlagen, Ausgabe von Präservativen, bei Bedarf Beratung. Dazu müsste kommen: Bestimmte Bedingungen für das Betreiben eines Bordells; Verbote von Flat-Rates, Gang-Bangs und ähnlichen Praktiken; menschenwürdige sanitäre Verhältnisse; bezahlbare Zimmerpreise; etc.

Die Alternativen sind nicht Verbot oder Glorifizierung/Verharmlosung der Prostitution. Die Alternative ist erst mal ein im Sinne der dort arbeitenden Frauen funktionierender Pragmatismus.

Ansonsten träume ich weiter: Von einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichwertige Wesen sind und sich als solche begegnen. Von einer Gesellschaft, in der Männer nicht mehr meinen, sie hätten das Recht, sich Sex mit einer Frau zu kaufen. Und in der Frauen sich durch  nichts und niemanden gezwungen sehen, ihren Körper für die Benutzung durch Männer zur Verfügung zu stellen.

Strobls Buchkritik 1: Vincent Deary: Wie wir sind

Wenn ein Buch mit einem Motto beginnt, werde ich immer neugierig. Motti sagen viel über die Autorin/den Autor, über ihren/seinen Blick auf Menschen und Dinge, über ihre/seine Kenntnisse, Erfahrungen, Vorlieben, Belesenheit. Wenn nun ein Wissenschaftler seinem Werk die Songzeile You keep saming when you ought to be changing (Lee Hazlewood: These Boots are Made for Walkin´) voran stellt, hat er mich schon an der Angel. Nach der vollständigen Lektüre von „Wie wir sind“ hat Vincent Deary mich süchtig nach mehr gemacht. Und das, obwohl ich gar nicht in allem mit ihm einverstanden bin.

Vincent Deary, Psychotherapeut und Humanwissenschaftler, spricht als Autor Geist und Verstand, Herz und Seele und nicht zuletzt den Humor der Leserin, des Lesers an. Er macht neugierig, rebellisch, hoffnungsvoll und nachdenklich. Er ist anstrengend und beflügelnd, er… Stopp! Erst einmal sagen, worum es geht.

Was gar nicht einfach ist. Im Prinzip geht darum, wie wir uns unsere Gewohnheiten zulegen und uns dann in ihnen einrichten; an ihnen festhalten. Wie wir reagieren, wenn etwas uns zwingt, diese Gewohnheiten aufzugeben, unser bisheriges Leben umzukrempeln, neu zu starten. Wie wir aus dem Neuen so schnell wie möglich wieder Gewohnheiten machen, in denen wir uns  einrichten… Und: Was es in diesem Spiel an Spielräumen gibt. An Ausbruchsmöglichkeiten, Wagnissen, Inspirationen.

All das wird erläutert an Hand von Fachwissen (aus Philosophie, Psychologie, Soziologie, u. a.), von Bildern, Szenen und Zitaten aus Dichtung, Film und Musik und Einsichten der großen Religionen. Und während Deary all sein Material einbringt, reflektiert, prüft, verwirft, hinterfragt, bietet er der Leserin/dem Leser die Schlüsse dar, die er selbst daraus (und aus der eigenen Erfahrung) zieht.

Was mich an diesem Buch mit am meisten fasziniert, ist seine Langsamkeit. Die es auch von der Leserin, dem Leser einfordert. Es liest sich, als würde der Autor – ausgestattet mit seinem großen Wissen und seiner Lebenserfahrung – laut nachdenken. Und dabei äußert er dann wundervolle Sätze wie diesen: „Schon seit Tagen treibt mich um, was es heißt, dass einen etwas umtreibt.“

Ich freue mich schon auf die beiden Folgebände.

Last but least: Das Buch ist ausgezeichnet übersetzt von Gabriele Gockel und Bernhard Jendricke.

Vincent Deary: Wie wir sind, Pattloch Verlag, 19,99 Euro

 

Bargeld abschaffen? Dann mich bitte auch. Und Alte. Und Bettler…

Was sind das für Leute, die das Bargeld abschaffen wollen? Ich stelle sie mir als vergleichsweise jung vor und weltfremd und selbstbezogen bis zur Blindheit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so jemand schon einmal einem Bettler Geld gegeben hat. Das ist aber mit ein ganz wesentlicher Grund, warum ich absolut gegen die Abschaffung des Bargelds bin: Was soll ich dann N., meinem „Stammbettler“ in den Kaffeebecher werfen?

Jetzt höre ich schon den Einwand: „Es ist ohnehin besser, diesen Leuten kein Geld zu schenken. Sie geben es ja doch nur Alkohol oder Drogen aus!“ Tja. Wer das sagt, weiß nicht, wie sich ein kalter Entzug anfühlt. Und dass ein kalter Entzug bei Alkohol sogar tödlich sein kann. Der oder die hat wohl auch keine reale Vorstellung davon, was es heißt, auf der Straße zu leben.

Ich stelle mir grade vor, wie ich zu N. sage: „Mensch, tut mir leid, jetzt wo es kein Bargeld mehr gibt… Du musst mir deine Bankverbindung geben, N. Deinen IBAN-Code und deinen BIC. Ich überweis dir dann ´n Euro, okay?“ Oder: „Tja, wenn du Schuhe brauchst… Brauchst du ja wirklich, ich seh das schon. Also Vorschlag: Du guckst, dass du vierzig Leute zusammenkriegst, die dir alle einen Euro überweisen. Dann kannst du dir von deiner Karte im Billigladen ein Paart Schuhe kaufen. „…

Nein, Stopp! Die ganz fortgeschrittenen unter den Bargeld-Abschaffungs-Apologeten wollen ja, dass man nicht mal mehr mit Karte bezahlt, sondern mit dem Smartphone. Da fällt mir jetzt kaum noch ein Szenario zu ein. Denn zum einen kann N. die meiste Zeit über sein Handy (zum Smartphone hat er es noch nicht gebracht) nicht benutzen. Weil er es verloren hat, oder weil es ihm gesperrt wurde, weil er wieder die Gebühr nicht bezahlt hat oder, oder… Zum anderen ist N. einfach zu alt, um das mit dem Einscannen und sonst noch was hinzukriegen. Das ist ja mir schon zu viel action. Und dann könnte das auch bös in die Hose gehen. Wenn nämlich N., x-mal vorbestraft wegen diverser Beschaffungs-Kriminalitäten, mit so einem Smartphone in einem Laden steht, an Schuhen oder Lebensmitteln rumfingert und  sich dabei ständig umguckt, in der Hoffnung, dass ihm einer hilft. Der Ladendetektiv würde das glatt anders verstehen.

Kurzum: Ich wünsche allen, die das Bargeld abschaffen wollen, dass sie mal in einer fremden Stadt ihr iPhone verlieren, ihnen jemand die Geldbörse mit allen Karten geklaut hat, und sie nicht wissen, wie sie jetzt in ihr Hotel kommen sollen. Und dann ein freundlicher Passant ihnen sagt: „Schade, früher hätte ich Ihnen ein paar Euro für ein Taxi geben können.“

Und das ist noch das freundlichste, was ich ihnen wünsche.